Kleines Loblied auf das Toilettenpapier


Es sind manchesmal die unscheinbaren Gegenstände des Lebens, an denen sich enorme Fortschritte vollziehen. Ein Beispiel dafür ist das Toilettenpapier. Eine Selbstverständlichkeit, über die niemand große Worte verliert. Und doch hat sich auf diesem Bereich viel getan. Heutzutage gibt es sie mit Düften versehen, hart oder weich, zwei- bis fünflagig, in bunten Farben, die trotzdem nicht den Allerwertesten colorieren, und so weiter. Vor einigen Jahren hat wiederum eine neue Papiertechnik beim Klopapier Einzug gehalten, wie die Stiftung Warentest für ein im Test erfolgreiches Produkt beschreibt:

Bei der neuen Technologie hingegen wird der Zellstoffbrei nicht ausgewalzt, sondern auf eine Art Gitter aufgesprüht und mit heißer Luft getrocknet. Dadurch entsteht von vornherein ein dreidimensionales Gebilde, das im Unterschied zum nachträglich mechanisch geprägten Papier im nassen Zustand und unter Druck länger in Form bleibt. Gleichzeitig wird der Papieraufbau geschichtet: Eine innere Lage aus langen, kräftigen Zellstofffasern sorgt für die nötige Festigkeit, während außen kurze und feine Fasern das Papier weich machen.

Dabei trat das Papier zum Saubermachen überhaupt erst Mitte des 19. Jahrhunderts seinen Siegeszug in der westlichen Welt an, als in den USA Joseph Gayetty Aloe-getränktes WC-Papier entwickelte und in Schachteln gestapelt feilbot. Nicht das erste Toilettenpapier der Welt – diese Ehre gebührt den Chinesen. Aber das erste industriell gefertigte und damit erschwingliche Produkt. Um 1880 wurden die aufgerollten, perforierten Papiere üblich, entweder von Scott oder den Albany Perforated Wrapping in den USA oder der British Perforated Paper Company in Großbritannien erfunden. In Mitteleuropa setzte sich das rauhe Kreppapier ebenso rasch durch wie in der angelsächsischen Welt, weil es eben einen gewaltigen Fortschritt zur Zeit davor darstellte. Und doch ist es mit den hochtechnischen Papieren von heute nicht zu vergleichen. Der nächste große Schritt zum jetzigen Komfort kam Mitte des 20. Jahrhunderts mit der Erfindung des mehrlagigen Papiers und dann des weicheren Papiers. Und trotzdem war das Produkt noch nicht ausgereift und hat sich seither weiter verändert.

Diese Veränderungen an den kleinen Dingen des Alltags sind es übrigens, die den Wert einer Marktwirtschaft mit real existierendem Wettbewerb hervorstreichen. Kein Zentralplanungskomitee hätte je auch nur eine dieser Verbesserungen in die Tat umgesetzt. Sie sind im Bemühen, sich am Markt zu behaupten, erfunden und produziert worden. Manche haben sich durchgesetzt, andere wurden von den Käufern verworfen. Und so ist in 160 Jahren aus dem rauhen, nicht immer splitterfreien Papier ein Gegenstand alltäglichen Komforts geworden.

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4 Gedanken zu “Kleines Loblied auf das Toilettenpapier

  1. Interessant. Es ist spannend, über etwas zu lesen, das für einen eine Selbstverständlichkeit geworden ist. Ich werde mein Toilettenpapier ab jetzt mit mehr Respekt verwenden:-)
    Lieben Gruss Urs

  2. Ich war schon immer dankbar für diese Erfindung.
    Mein Loblied ist allerdings schon lange verklungen.
    Mittlererweile habe ich das Gefühl, ich habe Tapeten auf
    kleineren Rollen in der Hand.
    Ganz egal wie groß, weich und … etc. daraufsteht.
    * Tanzt * auf dem Wasser. Unbenutzbar.
    Darüber sollte man mal schreiben.

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