Savulescu oder die moralische Verpflichtung zur Selektion des unperfekten Kindes


Nun ist es soweit: Julian Savulescu, der in Oxford als Professor für praktische Ethik unterrichtet, meint in der britischen Ausgabe des Readers’ Digest, die Abtreibung unperfekter Menschen könnte eine moralische Verpflichtung werden, da Kinder mit „Fehlern in ihrer Persönlichkeit“ (personality flaws) sonst Schaden an sich selbst und anderen anrichten könnten. Man sollte vielmehr Menschen rational entwerfen, um eine intelligentere und weniger gewalttätige Zukunft zu erhalten. Eltern, die ihre Kinder nicht „selektieren“, wären verantwortungslos, hätten also wohl mit keinerlei Solidarität zu rechnen. Wie der Daily Telegraph zitiert (der Orginalartikel ist anscheinend nicht im Internet verfügbar):

„So where genetic selection aims to bring out a trait that clearly benefits an individual and society, we should allow parents the choice. „To do otherwise is to consign those who come after us to the ball and chain of our squeamishness and irrationality. „Indeed, when it comes to screening out personality flaws, such as potential alcoholism, psychopathy and disposition to violence, you could argue that people have a moral obligation to select ethically better children. „They are, after all, less likely to harm themselves and others.“

So schwer es mir fällt, lasse ich die menschenverachtende Grundposition Savulescus einmal außer Acht, die postuliert, Menschen hätten grundsätzlich das Recht, das Leben anderer Menschen zu beenden, und die Bedingungen dieses Rechts müssten nur einmal grob abgegrenzt werden. Dann bleiben Allmachtsphantasien über, die vom Wissen um die Beschränkung und Beschränkheit menschlicher Erkenntnis ungetrübt sind, gekreuzt mit einer völligen Verkennung menschlichen Verhaltens. Wer entscheidet, was „Persönlichkeitsfehler“ sind? Wer entscheidet, was eine Krankheit, was eine nützliche Eigenschaft ist? Welches menschliche Verhalten wird damit gefördert? Was sind objektive Kriterien einer guten Gesellschaft und ihrer Glieder? Wer bedenkt alle Folgen dieses finalen Eingriffs? Die Welt von Gattaca läßt jedenfalls grüßen, und sie ist wahrhaft keine schöne Welt.

First Things erinnert zurecht daran, daß wir wieder in der Debatte der Zwanziger Jahre angekommen sind, als Eugenik der letzte Schrei war und etwa der Wiener Sozialdemokrat Julius Tandler die Ausmerzung der „Volksschädlinge“ gefordert hat. Wie es dort (von mir übersetzt) heißt: „Die Eugenik hatte ihren Ursprung in einer moralischen Verpflichtung, wurde von dort aus ein rechtlicher Zwang, und steigerte sich schließlich in einer der schlimmsten Verbrechen der menschlichen Geschichte. Und nun haben viele der gleichen Ideen genügend Ansehen gewonnen, daß die Herausgeber des Readers’ Digest sie einer ordentlichen Vorstellung für würdig erachten. Das wird nicht gut enden.“

Wem übrigens der Name Savulescu, ein Schüler des australischen Utilitaristen Peter Singer, bekannt vorkommt: Er war der Herausgeber, der den Artikel Giubilinis und Minervas über die ethische Rechtfertigung des Infantizids – sie nannten es „nachgeburtliche Abtreibung“ – ermöglichte und wortreich verteidigte. Setzen wir die Puzzleteile doch zusammen: Im Grunde geht es darum, daß Eltern – vorerst bloß moralisch – verpflichtet werden sollen, in irgendeiner Form unangepaßte Kinder aus diesem Leben zu befördern, und zwar natürlich auch in den ersten Lebensjahren, wenn manche vermeintliche „Persönlichkeitsfehler“ im Wechselspiel mit der Umwelt erst offenbar werden. Es geht um Mord. Er sei aber nicht so schlimm, meint Savulescu, weil es ja die Eltern und nicht der Staat seien, die in seinem Modell die Wahl über Tod oder Leben zu treffen hätten. Beruhigende Aussichten.

PS Ach ja: Auch Peter Singer hat sich vor kurzem wieder einmal zu Wort gemeldet. Mehr bei Alipius.

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