Zur UBS-Studie über die Einkommensentwicklung nach Einführung des Euros


Die Studie der schweizerischen UBS zur Entwicklung der Realeinkommen nach Einkommensdezilen hat in Österreich einigen Wirbel verursacht. Schließlich sagt sie nicht weniger aus, als daß in Österreich quer durch alle Einkommensschichten von 2000 bis 2010 Einkommensverluste zu verzeichnen waren.

Das Bundeskanzleramt sah sich genötigt, eine parteipolitisch geprägte Antwort zu veröffentlichen, die durch in einem Verweis auf die Vereinnahmung der Studie durch einen Oppositionspolitiker bereits ein schlagendes Argument gegen das Ergebnis selbst gefunden zu haben glaubt. Treffsicher wird dann behauptet, die Studie würde zeigen, daß genau die Politik richtig wäre, die Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) öffentlich vertritt: Höhere Steuern insbesondere auf den Faktor Kapital sofort, eventuell irgendwann niedrigere Steuern auf Arbeit wenig Qualifizierter, mehr Geld für das in Österreich bereits jetzt im OECD-Vergleich teure Bildungssystem.

Die Parteisekretariate von SPÖ, FPÖ und BZÖ haben darauf ebenso reagiert. Da fordern Gewerkschafter und SPÖ-Funktionäre natürlich mehr „Umverteilung“, das BZÖ niedrigere Steuern und Ausgabenkürzungen, die FPÖ sieht das Versagen der Sozialdemokratie bestätigt. So weit, so vorhersagbar.

Ausgelöst hat das ganze weniger der Orginalbericht, als die Exzerpte, die auf dem Blog zerohedge.com, der Nachrichtenseite businessinsider.com und bei Financial Times Alphaville erschienen sind. Alle drei konzentrieren sich auf die „moralische Erzählung“, die aus der wirtschaftlichen Entwicklung der Eurozone entwickelt wird und bislang auf eine moralische Verpflichtung Deutschlands (und Österreichs, der Niederlande etc.) hinauslief, sich für die Krisenländer zu verschulden, weil die exportstarken Länder ja vom Boom in Spanien, Griechenland etc. profitiert hätten. Nun würde diese Erzählung anders lauten, wenn gerade die Menschen in den Peripherieländern besonders von der Eurozone profitiert hätten. (NB: Ich halte von dieser „moralischen Erzählung“ so oder so nichts, da sie auf simplen Schemata und der Figur der Kollektivschuld aufbaut.)

Wie Tyler Durden auf Zerohedge kommentiert:

All of the above simply means that the precarious European balance in which Germany quietly became the shamed underdog, responsible for funding its drunk, broke, and wayward neighbors because somehow it was its fault it benefited from their irresponsible spending ways, has just been shattered: now the opponents of the „convergence“ theme have cold hard facts on their side, and we expect the above chart to make the front pages of most German papers in short order.
It also means that the political opposition to any acquiescence by Merkel to current and future Monti demands will now spike to intolerable levels, with dire consequences in national polls.

Nun, da hat sich Durden geirrt, denn die Titelblätter deutscher Gazetten wurden davon nicht geschmückt. Nicht zu Unrecht, denn die UBS-Studie ist nicht ganz unproblematisch, und war wohl auch nicht zu dieser medialen Aufregung gedacht, sondern mehr als Diskussionsbeitrag im Fachdiskurs.

Das UBS-Team hat folgendes gemacht: Es hat die Haushalte in zehn gleiche Gruppen nach dem inflationsbereinigten verfügbaren Einkommen eingeteilt und für jede Gruppe eine spezifische Inflationsrate auf Grund des typischen Warenkorbs in dieser Einkommensdezile berechnet. Dazu sind viele Annahmen nötig, angefangen von der Bevölkerungsverteilung bei Einkommensgenerierung und -verteilung über die Einbeziehung der Schattenwirtschaft bis hin zu den Konsumgewohnheiten und der Haushaltsgröße. Wenn man sich näher damit beschäftigt, wird man überrascht feststellen, daß auch in statistisch erfaßten Bereichen weitaus weniger exakt bestimmbar ist als man gemeinhin annimmt. Daher sind auch recht unterschiedliche Ergebnisse möglich, je nachdem, was man für plausibel hält.

Die Daten für Österreich zeigen das Problem. UBS sagt, daß das reale verfügbare Haushaltseinkommen in Österreich zwischen 2000 und 2010 in allen Einkommensdezilen gesunken ist. Und zwar zwischen 10% und fast 40%. Schwer vorstellbar, daß so ein Wohlstandsverlust nicht bemerkt worden ist. Die Österreichische Nationalbank kontert damit, daß nach ihren Statistiken die realen verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte insgesamt zwischen 2000 und 2010 um 12,2% gestiegen seien. Beides gleichzeitig kann nur bei einer drastischen Änderung der Haushaltsgröße stimmen, und die scheint für Österreich nicht vorzuliegen.

Was aber sicher richtig ist: Daß die Realeinkommensentwickung in Österreich wesentlich moderater verlaufen ist als etwa in Spanien, und über die Einkommensschichten hinweg auch gleichförmiger. Die Grundthese der UBS, daß die Realeinkommen in den Peripherieländern nach der Euro-Einführung schneller gestiegen sind als in den Kernländern, kann nachvollzogen werden. Wie die Nationalbank süffisant feststellt:

Unbestritten waren die Reallohnentwicklung und die Entwicklung der Lohnstückkosten seit dem Jahr 2000 in Österreich moderat. Dadurch konnte jedoch die Wettbewerbsfähigkeit Österreichs im Export gesichert und das Beschäftigungsniveau hoch gehalten werden. Nicht ohne ökonomischen Grund befinden sich Länder mit einem historisch deutlich stärkeren Anstieg der Lohnstückkosten heute in erheblichen makroökonomischen Schwierigkeiten.

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