Die Seidenstraße, die Kirche und der Modernismus


Zentralasien war einst eine blühende Kulturlandschaft, und ist heute ein wirtschaftlich und politisch rückständiges Gebiet. Anführer aus dieser Gegend unterwarfen zeitweise halbe Kontinente, in neuerer wurde es zum Spielball verschiedenster Interessen. Warum war das so, ist das so? Der US-amerikanische Linguist und Historiker Christopher Beckwith hat sich dieser Frage angenommen und dazu ein umfassendes Werk verfaßt, „Empires of the Silk Road“: Eine Geschichte der zentralasiatischen Völker und Kulturen, in der China, Indien der das Römische Reich plötzlich die Peripherie darstellen, und Taschkent, Samarkan oder Karakorum im Zentrum liegen.

Dabei identifiziert er neben der machtpolitischen Komponente, daß nämlich China, Rußland und in gewissem Maße Großbritannien (später die USA) Zentralasien faktisch aufgeteilt haben, eine ideologische, die er „Modernismus“ nennt. Mit Modernismus meint er eine Ansicht, nach der Altes fortwährend durch Neues ersetzt werden muß, in der also die einzige Konstante die Veränderung ist. Es geht nicht um eine prüfende Evolution, in der Neues geprüft und inkorporiert wird, wenn es sich als besser herausstellt; denn das Neue ist immer besser. Der Post-Modernismus ist für ihn die logische Fortsetzung dieses  Modernismus, da die Beurteilung eines Sachverhaltes aufgrund vereinbarter Faktoren, der Versuch einer objektiven Beurteilung, rundheraus abgelehnt wird. Alles steht zur Disposition, wenn nichts Wahrheit für sich beanspruchen kann. Die Beseitigung des Überkommenen bedarf keiner Rechtfertigung mehr.

Man fühlt sich hier nicht zu Unrecht an Stehsätze wie ecclesia semper reformanda erinnert, die Kirche müsse also immer wieder neugestaltet werden; an den Konflikt zwischen den alten Kirchen, die in historischer Kontinuität zur Urkirche stehen, und späteren Gemeinschaften. Katholiken, Orthodoxe, Kopten etc. stehen auf dem Boden einer jahrhundertelangen Tradition, die als Entfaltung des Heiligen Geistes begriffen wird. Gemeinschaften der Reformation haben dieses Bild scharf kritisiert und etwas Neues geschaffen, daß aus eigener Macht heraus als der Tradition überlegen gedacht wurde. Ich denke, nur die Ungebildetsten der Reformatoren können angesichts des reichen, überkommenen Oeuvres frühchristlicher Autoren wirklich geglaubt haben, ihre Lehre wäre eine Rückkehr zum frühen Christentum. Doch dieser Frühmodernismus ist geradezu traditionalistisch im Vergleich zu dem, was im 20. Jahrhundert folgen sollte. Nun gibt es einerseits ein postmodernes Christentum, daß jede Wahrheit leugnet (und sich so selbst ad absurdum führt) und moderne Spielarten der Theologie, die jeweils den eigenen Willen zum Maßstab der Wahrheit erheben und dabei oft den Gedanken pflegen, daß sich die Menschheit und damit der Glauben auf einer Reise ständigen Fortschritts bewegen. Wenn jemand von „rückständiger“ und „fortschrittlicher“ Theologie spricht, gehört er eindeutig ins Lager dieser im Sinne Beckwiths „modernistischer“ Denker, eine Definition, die nicht so weit vom Modernismus im Sinne Papst Pius’ X. entfernt ist.

Zurück zu Beckwith: Er vertritt die Ansicht, die von außen nach Zentralasien getragene Zerstörung der Tradition, insbesondere durch den Kommunismus, hat das lokale Gefüge nachhaltig in Unordnung gebracht, Sitten beseitigt, die für Jahrtausende die Gesellschaft der Steppen zusammenhielten und das kulturelle Erbe nachhaltig vernichtet (wie es übrigens gerade islamistische Fundamentalisten in Nordafrika ebenfalls tun).  Dadurch wurde der Wiederaufbau der zentralasiatischen Länder im Vergleich zu anderen postkommunistischen Ländern erschwert, weil es kaum etwas gab, an dem man hätte anknüpfen können. Interessante Gedanken über den Eigenwert von Tradition und Kultur.

Hier bei Gene Expression findet sich eine ausführliche Rezension des Buches.

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