Merida und Elinor


Merida aus dem Film „Brave“ © Disney/Pixar

Merida aus dem Film „Brave“ © Disney/Pixar

Der Pixar-Film „Merida“ wird bald nach erfolgreicher Spielzeit aus den Kinos verschwinden, Anfang Dezember der Film auf DVD und Blu-Ray erscheinen. Da trau ich mich jetzt, ein wenig über den Film zu schreiben, denn wer ihn sehen wollte, kennt die Handlung ohnehin schon, und ich verderbe ihm nicht die Spannung. Für „Merida“ hat Pixar die Form des Märchens gewählt, weniger an den verniedlichten Kindermärchen orientiert, sondern an der Welt der älteren Märchen, die durchaus ihre dunklen Seiten haben. Wir befinden uns in Schottland in einem mythischen Mittelalter. Dort treffen wir eine Prinzessin namens Merida, einen Wildfang, der gerne bogenschießt, klettert und reitet und nur widerwillig der Ausbildung einer Prinzessin folgt. Zum Wohle des Königsreichs soll sie nun den Erben eines der Clans heiraten. Sie aber weigert sich und will mit Hilfe einer Hexe das Wesen ihrer Mutter ändern, um der Heirat und dem verbundenen Zwang der Mutter auszuweichen. Die Änderung geht freilich schief, ihre Mutter ist nun ein Bär, und nun suchen sie verzweifelt eine Lösung für das dringende Problem, die Mutter wieder zurückzuverwandeln. Wie bei Pixar-Filmen fast üblich zeigt der Film dazu großartige Bilder, für die man sich den Film auch ohne Handlung anschauen würde, und etliche witzige Situationen, welche die Dramatik des Film entschärfen, für die zusätzlich ein mythischer Bär namens Mor’du sorgt.

Elinor aus dem Film „Brave“ © Disney/Pixar

Elinor aus dem Film „Brave“ © Disney/Pixar

Für diesen Film hat sich Brenda Chapman, die Schöpferin der Geschichte, aber sehr viel überlegt und eine tiefgründige Geschichte über das Heranwachsen, über die Beziehung zwischen Mutter und Tochter hineinverwoben. Deswegen ist der deutsche Filmtitel auch etwas irreführend; es geht nicht bloß um Merida, es geht genauso um ihre Mutter Elinor, und es geht um eine besondere Tapferkeit – „Brave“ ist auch der Originaltitel: Zu seiner Verantwortung, seinen Fehlern zu stehen. Elinor und Merida werden anfangs spielerisch gezeigt, später in der klassischen Konfrontation zwischen Eltern und pubertierendem Kind. Manche der Dialoge sind geradezu beängstigend real. Ein Kritiker hat sich die Frage gestellt, wie sich denn die Mutter in der Zwischenzeit so habe ändern können, von der liebevollen Mutter der kleinen Merida zur strengen Erzieherin. Der Kritiker – ich habe leider vergessen, wer es war – kann sich wohl an seine Kindheit nur mehr so schattenhaft erinneren wie ich an den Kritiker, denn das ist keine Verwandlung. Es sind zwei Seiten des Elternseins. Weil Elinor ihre Tochter liebt, möchte sie sie so gut wie möglich auf ihre Zukunft vorbereiten, auf ihre Pflichten und Aufgaben. Die heranwachsende Merida muß sich aber in der Welt erst zurechtfinden, und wehrt sich dagegen, in klare Vorgaben gezwängt zu werden. Beide sind nicht in der Lage, ihr Sicht so zu kommunizieren, daß sie der andere versteht, sondern glauben, es scheitere nur daran, daß der jeweils andere nicht zuhöre (!). Das ist – ich wiederhole mich – eine geradezu gespenstisch reale Geschichte.

Erst im Laufe der dramatischen Ereignisse nach der Verbärung der Mutter lernt Merida, daß die Pflichten und Aufgaben, auf die sie ihre Mutter vorbereitet hat, von großer Bedeutung sind, daß von ihren Entscheidungen eben nicht bloß sie selbst, sondern sogar das ganze Königreich abhängt. Ihre Weigerung, einen Verlobten zu wählen, führt das Reich fast in den Bürgerkrieg. Das Wissen, das ihr Elinor vermittelt hat, wird zur Aufhebung des Zaubers entscheidend werden. Elinor aber muß erst lernen, auf ihre Tochter einzugehen, ihr zuzuhören. In einer komischen und gleichzeitig berührenden Szene kann Merida mit Hilfe der Mutter den Krieg abwenden: Merida kann mit einer Rede die Gemeinschaft der Clans beschwören und die präsumptiven Verlobten als Verbündete dafür gewinnen, daß das Herz über die Hochzeit entscheiden solle, die offensichtlich erst später stattfinden soll. Dabei will Merida sich erst ganz dem Brauch beugen, nach der ihr Verlobter durch einen Wettbewerb ermittelt wird; ihre Mutter aber deutet ihr an, doch auch das Herz, die Liebe zu erwähnen. Damit ist die Hochzeitsfrage nicht abschließend gelöst – das wird sie bis zum Ende nicht, in dem es um die Lösung des Mutter-Tochter-Konflikts geht.

Viel ausführlicher, als ich das je könnte, hat Lili Loofbourow auf New Inquiry den Film unter dem neckischen Titel „Just Another Princess Movie“ diskutiert. Worauf sie aber hinauswill, will ich auch hinaus: Es ist wohl kein Meisterwerk, daß man noch in zwanzig Jahren diskutieren wird, es ist aber auch etwas ganz anderes als ein üblicher Prinzessinenfilm. Weder wird der Topos der Wildfang-Prinzessin überstrapaziert, wie er ohnehin in Filmen schon ausgiebig zelebriert worden ist; ihre Wildfang-Qualitäten spielen für das gute Ende des Films nur eine untergeordnete Rolle. Noch ist es ein Zuckerlfilm, in der die Hauptprobleme einer Prinzessin das Gewand für morgen sind. Beide Filmtypen haben ihre Berechtigung und ihr Publikum, aber Kompliment an Pixar, daß sie etwas anderes ausprobiert haben.

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