Ulrich Seidls Bigotterie


Ulrich Seidl ist ein kluger Mann, der die Spielregeln des Festival- und Subventionskinos gut kennt. Dazu gehört es, die Vorurteile und Emotionen der Clicquen zu bedienen, die die relevanten Entscheidungen treffen, und Feindbilder auszuwählen, die einem entsprechende Publicity verschaffen, ohne tatsächlich Mut zeigen zu müssen oder ein Risiko einzugehen. Ulrich Seidl ist stolz darauf, angefeindet zu werden, jedoch hauptsächlich von jenen, die für sein persönlichen Fortkommen ohne Bedeutung sind, oder deren Anfeindung sogar der eigenen Arbeit förderlich sein könnte.

Entsprechend hat er sein jüngstes Werk, „Paradies: Glaube“, angelegt, in dem es vordergründig um eine neurotische Frau geht, an Hand derer alle möglichen Vorurteile über den katholischen Glauben abgearbeitet werden inklusive unterstellter Scheinmoral, mit der üblichen Breitseite gegen Konservative.

Das Verhalten der Frau soll gleichsam eine Allegorie „über den Glauben“ sein, der anscheinend die Wirklichkeit verstelle und daher unweigerlich in der Enttäuschung, hier einer Geißelung Christi, enden müsse. Siehe dazu das Interview im „Hollywoord Reporter“, in dem Seidl auh behauptet, er würde die „Wahrheit“ und „Realität“ darstellen. Das ist für einen Spielfilm grundsätzlich eine gewagte Aussage, und für dieses sorgfältig durchgeformte, von humorlosen Karikaturen bevölkerte Werk erst recht.

Ich möchte keine Vergleiche mit bestimmten Machwerken anstellen, aber im Grunde geht es um einen (dafür eigentlich zu langweiligen) Propagandafilm, der den Anhängern einiger „säkularer Glaubensrichtungen“, wie sie in den für Kulturschaffenden bedeutenden Zirkeln überwiegen, ein wohliges Gefühl der Überlegenheit über diese verrückten Christen gibt. Dafür spricht auch diese Stelle aus dem Bericht der „Presse“, die entlarvend ist:

In einer Szene rächt sich Nabil, indem er die überall im Haus hängenden Kreuze mit dem Stock zu Boden schmettert. Beim Papstbild in der Küche gab es bei der Pressevorführung Szenenapplaus (überhaupt wurde der Film mit Beifall quittiert).

(Danke für den Hinweis auf dieses Zitat an Alipius.)

Warum schreibe ich in der Überschrift: „Bigotterie“? Nun, Bigotterie, das umschreibt scheinheiliges, übertriebenes Verhalten, eine nicht reflektierte Praxis, gepaart mit Intoleranz gegenüber anderen. Das zeichnet Seidl auch aus. Mit großem Ernst werden Feindbilder sorgfältig auf die Spitze getrieben, eigene Moral einer als Popanz kreierten Scheinmoral gegenübergestellt, die eigene Weltsicht unreflektiert im Drehbuch als Referenzrahmen genutzt, um darin Hauptpersonen zu erschaffen, für deren vom Referenzrahmen abweichendes Verhalten, ja für deren Dasein der Autor anscheinend keinerlei Sympathie hegt. Er wirft der Kirche vor, sie würde Menschen zerbrechen, und lebt in seinen Film eigene Phantasien über das Brechen von Menschen aus. Für Selbstreflexion, für das Aufspüren eigener Disharmonien, für Bezugspunkte zum Leben der anderen bleibt bei Seidl kein Raum. Bewußt soll für den Zuschauer kein Gefühl der Betroffenheit erzeugt werden.

Das ist übrigens quasi ein Markenzeichen von Seidls Filmen, in denen konstruierte Personen vorgeführt und erbarmungslos zerschnitten werden.

Als Beispiel ein Auszug aus der Rezension von Screen Daily, die konziser berichtet als ich das könnte:

All through the first part of the film, […] the tone is that of a pitiless sarcastic black comedy, but it changes into even darker tones once Nabil (Nabil Saleh), Anna Marie’s Muslim husband, who had been away for two years, comes back home.

A cripple in a wheelchair, the result of an earlier accident, he had stayed with his family but now he is back to demand his rights. Anna Marie, seeing this as yet another test she has to endure for Jesus, takes him in, but the relationship soon deteriorates in a freakish version of War Of The Roses, with him tearing apart the symbols of Christianity and her depriving him of his only means of locomotion, the wheelchair.

Seidl’s lack of compassion through all this turns Anna Marie into a kind of sad clown (is that the reason Seidl dedicated the film to Max Linder?). […]

Man könnte natürlich auch von einem postmodern genialem Spiel sprechen, in dem ein Spielfilm in halbdokumentarischem Stil gedreht wird und so vermarktet wird, als ob der Schöpfer der Films damit einen Blick in die Realität werfen wollte, tatsächlich aber bloß ein voyeuristischer Blick in eine gekonnte Inszenierung gewährt wird, die genau die Gelüste bedient, die das Zielpublikum hat. Alleine, um solch Raffinesse zu vermuten, hat Seidl schon zu viele ähnliche Filme abgeliefert.

Die Anzeige, die von der Gruppe No 194 in Italien wegen Blasphemie eingebracht wurde, ist meiner Meinung nach übrigens genau das, was Ulrich Seidl braucht: Bestätigung gegenüber der eigenen Peer Group, daß diese Christen wirklich so verrückt sind, wie er sie beschreibt, da sie ja nicht einmal die nötige Toleranz aufbringen, sein Werk auszuhalten, das ja laut Selbstbeschreibung einfach die Wahrheit zeige. So erhält man Publicity. Da Ulrich Seidls Filme normalerweise keine Publikumsmagnete sind – in seinem Genre gilt geringes Interesse der Kinogeher als Auszeichnung – scheint die Zahl der betroffenen Menschen ja überschaubar zu sein. Allerdings gibt es in jeder Gemeinschaft Grenzen, ab denen eine Beleidigung nicht mehr ertragen werden muß, von Einzelpersonen nicht, von Gemeinschaften nicht.

NB: Michael Prüller, Kommunikationschef der Erzdiözese Wien, dreht das ganze übrigens um: Nicht der Filmer Ulrich Seidl, sondern die jeweiligen Opfer sind natürlich Schuld daran, das sie das Objekt eines gehässigen und bigotten Films geworden sind. Selbst diesen Kommentar halten allerdings einige „Presse“-Poster nicht mehr aus, die anscheinend nur ein generelles Schreibverbot für Katholiken zufriedenstellen würde.

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