Günther Platter oder wie er lernte, die Gesamtschule zu lieben


Die österreichische Gesamtschuldebatte ist an Seltsamkeit schwer zu überbieten. Gerne wird von individueller Förderung durch Begleitlehrer schwadroniert, gleichzeitig fehlen aber auf Grund großer Pensionierungswellen schon im bestehenden System hunderte Lehrer. Die finanzielle Situation des Bundeshaushalts läßt eine Ausweitung des Schulbudgets auch eher unwahrscheinlich erscheinen. Von einer Aufstockung für eine individuelle Förderung der Kinder zwischen 10 und 14 kann also weder personell noch finanziell die Rede sein, und damit ist der Hauptpunkt des von Ministerin Schmied propagierten Gesamtschulmodells bereits Illusion.

Die „Neuen Mittelschulen“, wie Schmied das Gesamtschulmodell nennen will, werden zudem mit Schwerpunkten und ohne Sprengelpflicht geführt. Das läuft in Wahrheit nicht auf eine Einheitsschule hinaus, wie manche Kritiker behaupten, sondern auf das Gegenteil. Mit genügend Flexibilität könnte man dann sogar die bestehenden AHS einfach umschildern, und schon wären „Neue Mittelschulen“ mit hohem Anteil universitär qualifizierter Lehrer und z.B. Latein-Schwerpunkt geschaffen. Natürlich würden dann manche dieser Schulen, so wie bisher, gemieden werden, andere überlaufen sein. Da müsste dann natürlich ein Selektionskritierium her, damit die beliebteren Schulen mit ihren Kapazitäten auskommen. Zum Beispiel den Noten der Volksschule? Ach, dann sind wir ja schon wieder dort, wo wir schon sind. Nein, vielleicht sogar selektiver als vorher: Angesichts der Notenentwertung in der Volksschule (die ich nur z.T. beweine) bestehen ja de facto ohnehin keine Aufnahmekriterien in die AHS.

Die chattering class ist trotzdem schwer begeistert von diesem Trugbild. Sie würde ja selbst auch kaum davon betroffen sein, da ihre Kinder üblicherweise Privatschulen besuchen.

Jetzt komme ich zu einem, der sich anscheinend bei dieser chattering class anbiedern will: Dem Tiroler Landeshauptmann Günther Platter. Der hat nämlich ein Problem: Katastrophale Umfragewerte und nahende Landtagswahlen. Sein Vorgänger und nunmehriger Landtagspräsident Herwig van Staa mußte einst zurücktreten, weil er bloß 40% der Stimmen erreichte. Platter scheint die ÖVP in noch tiefere Gefilde zu führen, während sich Koalitionspartner SPÖ zumindest stabilisiert (wenn auch auf tiefem Niveau) und mit Grünen und FPÖ um Platz zwei rittert. Da kommt er auf eine Idee, um sich positive Berichte abzuholen: Er will in Tirol die Gesamtschule unter Auflösung der AHS-Unterstufe. Wer die Tiroler Schulsituation kennt, kann nur zum Lachen oder Weinen anfangen. Die Tiroler AHS-Direktoren sind empört; zwei Absätze aus dem Artikel möchte ich beispielhaft zitieren:

„Wir können uns sehr wohl zusammensetzen, aber dann muss vom Kindergarten bis zur Matura alles durchdacht werden.“ Sollte es wirklich Klassen geben mit Schülern mit schwerer Behinderung bis zum Hochbegabten, dann seien zwei Lehrer wie jetzt in den Mittelschulen noch zu wenig. „Dann brauchen wir mindestens vier.“ Sonst komme es automatisch zu einer Nivellierung nach unten. Dass nur Kinder aus bildungsnahen Familien den Weg ins Gymnasium finden, sei nicht richtig: „Von unseren 670 Schülern sind nicht einmal zehn Prozent der Eltern Akademiker“, sagt die Direktorin des Gymnasiums in Kufstein. […]

Für Johann Fellner, Direktor des Gymnasiums Wörgl, steht fest, dass Schüler auch weiterhin differenziert gefördert werden müssen: „Jeder hat andere Begabungen, und darauf muss Rücksicht genommen werden.“ Wie ein Haus brauche eben auch das Bildungssystem bestimmte Säulen. Mit der Unterstufe würde laut Fellner eine der essenziellen Säulen wegbrechen. Hauptschüler, die in der fünften Klasse ins Gymnasium einsteigen, würden sich „einfach schwerer tun“. „Nur die Unterstufe ist darauf ausgerichtet, die Matura in acht Jahren zu machen.“ Es sei ein Irrtum zu glauben, dass in einer heterogenen Gruppe alle gleich gut gefördert würden: „Eher ist ein Leistungsabfall zu befürchten, wenn alle in einen Topf geworfen werden.“ Allein auf Grund der begrenzten budgetären Mittel könne man eine qualitativ hochwertige Förderung der einzelnen Talente nicht mehr gewährleisten. „Das Geld, um in jeder Klasse mehr Lehrpersonal einzusetzen, fehlt.“

Inhaltlich ist Platters Vorstoß ein Rohrkrepierer. Es sollte ihm zu denken geben, von wem er gelobt wird: Von Unterrichtsministerin Claudia Schmied, die zwar auf eine Karriere als Spitzenmanager bei der Pleitebank Kommunalkredit verweisen kann, aber auf keinerlei Kompetenz in Bildungsfragen, und vom ÖGB, der in Bildungsfragen bislang durch ideologisch festes Auftreten aufgefallen ist. Wahltaktisch ist er ebenso ein Rohrkrepierer. Platter brüskiert seine Innsbrucker Stadtpartei, die im Stadtwahlkampf gegen die Gesamtschule aufgetreten ist und damit auch zulegen konnte, und geht stattdessen auf die gelb-rot-grüne Koalition zu, die ihn bei der Landtagswahl wohl kaum unterstützen wird. Und er begibt sich in eine Position, die ihn noch angreifbarer macht: Die FPÖ (und auch andere Listen) können leistungsorienterte Wähler mit einem Bekenntnis zum Erhalt der AHS-Unterstufe anlocken und Platters Schul-Luftschlösser argumentativ leicht zerplatzen lassen. Umgekehrt wählt niemand ÖVP, um die Gesamtschule zu bekommen; für wen das wahlentscheidend ist, hat andere Parteien zur Auswahl, die da glaubwürdiger sind, wie die SPÖ oder die Grünen. Und die Zeiten, wo ein Kampf mit dem ÖVP-Bundesparteiobmann einer Landespartei bei einer Wahl Vorteile verschaffen konnte, sind wohl selbst in Tirol vorbei.

Fassen wir zusammen: Für Platters Pläne fehlt es an Geld und Personal, um sie erfolgreich umzusetzen; von einer echten „gemeinsamen Schule“ der 10-14jährigen ist auch dann keine Rede (Stichwort Schwerpunktschule), so daß die Vorteile nicht erkennbar sind. Auch wahltaktisch kann er sich keinen Vorteil davon versprechen. Bleibt nur eigentlich nur eine Schlußfolgerung. Aber die soll jeder selbst ziehen.

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