Diskurs Marke Al Kaida


Die Angriffe auf die US-Vertretungen in Libyen und Ägypten, bei denen u.a. der US-Botschafter Christopher Stevens ermordet wurde, sind sicher nicht zufällig um den 11. September erfolgt. Der blutige Anschlag in Bengasi war wahrscheinlich von langer Hand geplant, auch in Kairo kann wohl von sponatem Volkszorn keine Rede sein. Das Hissen der schwarzen Al-Kaida-Flaggen legt vom ideologischen Hintergrund Zeugnis ab, denn wenn auch viele Araber lieber den Mossad oder den CIA für die Anschläge vom 11. September 2001 verantwortlich machen, so sind gleichzeitig auch viele auf diese Anschläge stolz; dann ändert sich freilich die Erzählung, und 9/11 wird sehr wohl Al Kaida zugerechnet.

Der vorgebliche Anlass ist ein Film, der Religionsstifter Mohammed herablassend darstellt. Aber dieses Hobbyprojekt eines Immobilienunternehmers hat kaum jemand gesehen hat; und selbst wenn es viele Zuschauer erreicht hätte, ist das kein Grund, Menschen nach dem Leben zu trachten. Besonders entlarvend ist hier die Reaktion des in heimischen Medien als moderat beschriebenen ägyptischen Präsidenten Mursi: Die Angriffe auf die US-Botschaft in Ägypten täten ihm leid, weil die US-Regierung ja gar nicht für den Film verantwortlich wäre. Im Klartext: Hätten die Täter wirklich den Filmregisseur erwischt, wäre das für Mursi schon in Ordnung gewesen.

Das passt natürlich zu einem Vorfall in Großbritannien, der mir sehr zu denken gegeben hat. Channel 4 hat eine Sendung über die Urspünge des Islam gezeigt, die sich mit dem Stand der Geschichtswissenschaft beschäftigt, aber nicht auf die islamische Selbstsicht Rücksicht genommen hat. Sprich: Eine Art von Sendung, wie sie über das Christentum schon dutzendfach gezeigt worden sind, man erinnere nur an den National Geographic-Flop über das angebliche Grab Jesu. Wobei, soweit ich das beurteilen kann, die Channel-4-Sendung seriöser an das Thema herangegangen ist. Es langten in der Folge über tausend Beschwerden islamischer Zuseher ein – ok. Nicht ok: Der Präsentator der Sendung, Tom Holland, wurde sehr konkret bedroht und mußte eine Vorführung des Films aus Sicherheitsgründen absagen.

Ich selbst habe mich erst vor kurzem über einen christophoben Film Ulrich Seidls alteriert, den der Regisseur zynisch auf die Clicques auf den Filmfestivals hin kalkuliert hat. Ein Werk kritisieren, seinen Inhalt geschmacklos finden, gegen Handlungen und Aussagen zu demonstrieren, ist Grundelement einer freien Gesellschaft, in der der Diskurs gepflogen wird. Aber so sehr man auch beleidigt worden ist: Für Gewalt, Mord und Totschlag gibt es keine Entschuldigung. Insofern ist mir schleierhaft, warum die USA so defensiv agiert haben und anfangs quasi die Schuld für das Verbrechen auf sich genommen haben. Hat Meinungsfreiheit keinen Wert?

Hier übrigens ein Video, in dem sich der ermordete US-Botschafter bei seiner Amtseinführung vorgestellt hat:

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3 Gedanken zu “Diskurs Marke Al Kaida

  1. Was ist der Islam eigentlich, eine Religion oder eine religiöse Ideologie?? Der Anschlag auf die US Botschaft in Lybien hat sicher nichts mit dem Film zu tun, aber es wird ein religiös motivierter Anschlag gewesen sein. Ich kapiere einfach nicht, warum soviele Muslime so durchdrehen, wegen eines solchen Films. Ist es mangelnde Bildung, ist es ein Minderwertigkeitskomplex?? Enttäuschung, Verletztheit und auch Wut könnte ich nachvollziehen, auch mein religiöses Empfinden ist schon oft verletzt worden, aber wenn der Koran tatsächlich solche Gewaltexzesse legitimiert, oder sogar dazu auffordert, wäre er das Papier nicht wert auf dem er geschrieben wurde. Eigentlich unfassbar, dass man mit so einem Scheißfilm soviele Muslime wie ferngesteuert mobilisieren kann. Unfassbar auch, dass von vielen Muslimen überhaupt nicht unterschieden wird zwischen einen Dokumentarischen Bericht über die Geschichte des Islam und diesem kalkuliert verletzenden Kurzfilm dessen Macher genau wusste was er tat. So, sorry wenn dieser Kommentar etwas ungeordnet ist, ich fürchte, ich habe einfach spontan meine Gedanken niedergeschrieben.

    • Das ist eine gute Frage: Warum ist eine nicht unbedeutende Anzahl von Muslimen der Meinung, daß Mord, Todschlag und Brandschatzen die richtige Antwort auf Äußerungen ist, die als Beleidigung empfunden werden? (Siehe z.B. die Ermordung Theo van Goghs) Und die Latte dafür, was so eine Beleidigung ist, liegt sehr niedrig. Daß Politiker wie Ägyptens Präsident Mursi oder Afghanistans Präsident Karzai in dieses Horn stoßen, weist jedenfalls daraufhin, daß die so denkenden Menschen in ihren Ländern zu zahlreich sind, als daß man sie vergrämen wollte. Kein gutes Zeichen.

  2. Pingback: Nachtrag: Diskurs Marke Al Kaida « Aus dem Hollerbusch

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