Viel Aufregung um Mitt Romney, wenig Substanz dahinter


Wenn Mitt Romneys Kampagne mit Gegenwind zu kämpfen hat, dann gibt es in den heimischen Medien helle und freudige Aufregung. Warum genau alle Medien im Wahlkampf eines fremden Landes so klar Position beziehen, daß kann sich jeder selbst überlegen.

Jüngstes Beispiel ist ein Video von einem Fundraiser Romneys, das eine den Demokraten nahestehende Zeitschrift veröffentlicht hat. Darin zieht er einen scharfen Unterschied zwischen den Wählern Obamas, die sich selbst bloß als Opfer sehen würden und bloß auf die Umverteilung der Leistungen der anderen warteten, und seiner Zielgruppe, die diejenigen seien, die ihr Leben selbst in die Hand nähmen und Wohlstand schaffen wollten. Das wurde ihm als katastrophale Wählerbeschimpfung ausgelegt, obwohl es seit Jahren zum Standardrepertoire der Parteienpositionierung gehört. Sogar die Parteitage haben diesen Klischees entsprochen, man denke nur an Elizabeth Warren („this system is rigged“) auf der demokratischen Seite und Paul Ryan auf der republikanischen.

Natürlich sehen sich demokratische Wähler eher als Opfer bösartiger Plutokraten und republikanische Wähler eher als Zielscheibe menschenverachtender sozialistischer Umverteiler; beide Ansichten haben nicht unbedingt mit dem persönlichen Wohlstand, sondern dem Weltbild zu tun; schließlich sind die Demokraten unter den besonders Wohlhabenden besonders stark vertreten.

Nicht zu vergessen ist, daß Obama selbst und sein Vize Joe Biden ähnlich negative Aussagen sogar über eigene Zielgruppen getätigt haben, allerdings unter geringerem Medienecho.

Jetzt wird Romney unterstellt, eine Nebenbemerkung würde 21 Millionen „Latinos“ gegen ihn aufbringen – das ist offensichtlicher Unsinn, da unter den Republikanern, die Romney unterstützen, viele mit spanischsprachigen Vorfahren sind, diese Menschen sich nicht als ein homogenes Kollektiv verstehen und wohl mehr Gründe in ihre Wahlentscheidung einfließen als ein harmloser Witz. Bei den Schwarzen ist tatsächlich mit einem 90/10-Split zwischen Obama und Romney zu rechnen, was allerdings angesichts der historischen Dimension eines Präsidenten mit schwarzen Vorfahren verständlich ist, galten doch noch bis vor fünfzig Jahren in einigen US-Bundesstaaten diskriminierende „Jim-Crow“-Gesetze.

Tatsächlich ist Romneys Wahlkampagne wenig berauschend, und sollte er die Wahl verlieren – was momentan sehr gut möglich ist –, kann er es nicht Obama-freundlichen Medien in den USA zuschreiben, sondern muß es auf die eigene Kappe nehmen. Aber die derzeitige Medienerzählung eines patscherten Romneys der Partei der reichen alten Weißen ist im Grunde die demokratische Wahlkampferzählung, die es dankenswerterweise 1:1 in die Zeitungen schafft.

Andererseits sind die Umfragen knapp, und die Menschen treffen ihre Wahlentscheidungen aus anderen Gründen als die Medienmacher ihre Entscheidungen über Storys treffen. Warten wir einmal die TV-Debatten ab.

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