Warum Patente unökonomisch sind


Patente sind momentan zwar im wirtschaftlichen Alltag sehr beliebt, in der öffentlichen Meinung aber äußerst unbeliebt. Was früher als legitimer Schutz von Innovationen gesehen wurde, wird dank Patenten zweifelhaften Inhalts und noch zweifelhafterer Patentprozesse zunehmend kritisch gesehen; die Patenthaie, die mit zugekauften Patenten geringer Originalität tatsächlich tätige Unternehmen mit Prozessen zumüllen, bei denen es meist billiger ist, sich auf Lizenzgebühren zu einigen als die Ansprüche des Patenthais zu bekämpfen, tun ihr übriges dazu, das bisherige Patentsystem zu diskreditieren. Das trifft für die USA in besonderem Maße zu, aber Europa ist von diesen Auswüchsen nicht verschont geblieben.

Es ist daher kein Wunder, daß ein Papier, das die Abschaffung des Patentsystems fordert, auf Begeisterung stößt. Insofern darf man ruhig ein wenig kritisch sein, denn wer den Zeitgeist so trifft, hat meiner Meinung nach doppelten Begründungsbedarf. Doch Michael Boldrin und David K. Levine, die das im Rahmen eines Working Papers für die Federal Reserve Bank of St. Louis formuliert haben, haben auch gute Argumente dafür. Sie halten den positiven ökonomischen Effekt der Patente für äußerst gering. Ein Zusammenhang zwischen Patenten (bzw. Patentzahl) und Produktivitätswachstum ist jedenfalls empirisch nicht gegeben. Auch Innovation würde durch Patente kaum zunehmen, außer, man misst Innovationskraft mit der Zahl der Patente. Warum? Weil diejenigen, denen Patente zuerkannt werden, und die damit ein zeitlich befristetetes Monopol erhalten, große Anreize haben, bei der Politik für eine Ausweitung ihres Monopols zu lobbyieren. Zukünftige Innovation wird damit aber immer mehr erschwert, weil man Sorge haben muß, einem dieser ausgeweiteten Monopolrechte in die Quere zu kommen:

The basic problem with the patent system – the downstream-blocking effect of existing monopoly grants on future innovation – is greatly increased because modern products are made up of so many different components. The Microsoft-Motorola example is a good illustration as a licensing fee on Android mobile phones is being charged by Microsoft soley over a patent involving the scheduling of meetings – a trivial and rarely used feature of modern smart-phones. This is but one of many thousands of patented “ideas” used in a modern smart-phone, and each owner of each patent potentially can charge a licensing fee. Hence, the main dynamic general equilibrium effect of a patent system is to subject future inventions to a gigantic hold-up problem: with many licenses to be purchased and uncertainty about the ultimate value of the new innovation each patent holder, in raising the price of his “component”, imposes an externality on other patent holders and so charges a higher than efficient licensing fee.

Gerade Unternehmen, die Konkurrenz verhindern wollen oder am Markt bereits gescheitert sind, versuchen, wenigstens durch Patentprozesse Neueintritte in den Markt zu verhindern oder Geldflüsse zu lukrieren, während in neuen Industrien anfangs vergleichsweise wenige Patentstreitigkeiten ausgetragen werden, die sich aber finanziell auch noch nicht so sehr lohnen.

Warum aber rufen die beiden nicht zur Reform des Patentsystems auf, dessen theoretische Bedeutung, Innovation zu schützen, sie durchaus anerkennen? Weil es zwar möglich ist, am Reißbrett ein ideales Patentsystem zu entwerfen, in der Praxis wegen der Interessen der beteiligten Personen dieses aber nicht erreicht werden kann: Patentrecht wird von den Interessen der Gruppen getragen, die am meisten davon profitieren und ihre Monopolrenten erhalten und erhöhen wollen, so die Analyse, die spieltheoretisch und politökonomisch begründet werden kann. Ein Beispiel:

[O]nce some kind of even marginal IP protection is introduced, extending it will yield substantially higher per-capita rents to the few holders of the right than reducing it would for the much larger number of non holders: the rent of the monopolist is a lot higher than individual consumers’ deadweight loss.

Daher wird jedes Patentsystem, wie immer es designt wird, schlußendlich in innovationsfeindlichen Exzessen münden, so die Autoren. Gerade wegen der beschriebenen Dynamik ist es aber unwahrscheinlich, daß eine wesentliche Reform des Patentsystems oder sogar seine weitgehende Entwertung irgendwann in nächster Zeit Realität werden wird.

(über The Atlantic)

Advertisements

2 Gedanken zu “Warum Patente unökonomisch sind

  1. Daher wird jedes Patentsystem, wie immer es designt wird, schlußendlich in innovationsfeindlichen Exzessen münden, so die Autoren. Gerade wegen der beschriebenen Dynamik ist es aber unwahrscheinlich, daß eine wesentliche Reform des Patentsystems oder sogar seine weitgehende Entwertung irgendwann in nächster Zeit Realität werden wird.

    Das kann man mit Fug und Recht auch von katholischen Dogmen behaupten; probieren wirs mal aus:

    Daher wird jedes Dogmensystem, wie immer es designt wird, schlußendlich in innovationsfeindlichen Exzessen münden(, so die Autoren). Gerade wegen der beschriebenen Dynamik ist es aber unwahrscheinlich, daß eine wesentliche Reform des katholischen Dogmensystems oder sogar seine weitgehende Entwertung irgendwann in nächster Zeit Realität werden wird.

    • Danke für den Kommentar, auch wenn ich ihm inhaltlich nicht beipflichten kann.

      Erstens ist das Wesen der Dogmen mit Patenten nicht vergleichbar: Die Dogmen sind ja nichts anderes als die Formulierung des grundlegenden Glaubensguts der Kirche, und damit in Gegensatz zu Patenten weder beliebig vermehrbar noch erneuerbar. Jedes „neue“ Dogma ist vom Selbstverständnis der Kirche her nichts anderes als die Deutlichmachung eines Glaubenssatzes, der auf die apostolische Überlieferung zurückgeht. „Innovationsfeindliche Exzesse“ sind da kein Thema, weil es bei Dogmen ex definitione keine Innovationen geben sollte, höchstens Entfaltungen der Überlieferung.

      Zweitens geht es im Artikel darum, daß ja eine kleine Gruppe einen beträchtlichen ökonomischen Vorteil aus den Monopolrenten des Patentsystems bezieht, während der ökonomische Nachteil daraus breit gestreut ist, so daß nach der Logik gemeinschaftlichen Handelns die kleine Gruppe intensiv für ihre Monopolrenten kämpft, während die Allgemeinheit dem wenig entgegensetzt. Diese Logik ist auf die Dogmengeschichte wohl kaum anwendbar, wo doch Dogmen noch dazu meistens als Präzisierung des Mehrheitsstandpunkts angesichts einer inhaltlich abweichenden Minderheit formuliert wurden, also gerade die umgekehrte Situation.

      Wenn gemeint ist, daß jedes Glaubenssystem in sich eine Komponente der Erstarrung hat, so ist das soziologisch zweifellos richtig, und logisch notwendig. Enthält ein Aussagensystem wahre Aussagen, so ist ja wohl an diesen festzuhalten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s