Zu Eric Hobsbawm


Eric Hobsbawm war der Nestor der europäischen Geschichtswissenschaften, doch sein Ruhm beruht nicht bloß auf seinem Alter, sondern zurecht auf seinen Arbeiten über das lange 19. Jahrhundert, in denen er in großen Zusammenhängen gedacht und geschrieben hat. Die Verbindung zwischen Aufklärung und Industrialisierung, zwischen Französischer und Industrieller Revolution, und die Dynamik, die diese Kräfte entfesselten, waren für ihn ein Schlüssel zum Verständnis des 19., 20. und wohl auch beginnenden 21. Jahrhunderts – und damit war er vor fünfzig Jahren tatsächlich federführend, als sein Werk „The Age of Revolution: Europe 1789-1848“ entstand. Nicht die heroische Tat des einzelnen, sondern allgemeine Strömungen und Kräfte waren Thema seiner Geschichtsforschung, die uns heute in dieser Form selbstverständlich erscheint.

Jetzt ist er selbst 95jährig verstorben, und hat selbst große Umwälzungen miterlebt. Mütterlicherseits hatte er altösterreichische Wurzeln, väterlicherseits war er polnischer Abstammung, beiderseits jüdisch geprägt; sein Geburtsort aber war Alexandrien in Ägypten, wo sein Vater als Bediensteter der britischen Krone tätig war; er wuchs in Wien und Berlin auf, wurde mit 14 Jahren Vollwaise, emigrierte mit 16 nach London. Seine bewegte Jugend war zusätzlich von den Verwerfungen, die der Erste Weltkrieg ausgelöst hatte, geprägt, von der Wirtschaftskrise, den um sich greifenden totalitären Bewegungen. Jemand, der schon in jungen Jahren eine gefährlich brodelnde Welt aus verschiedensten Perspektiven kennenlernt, wird neugierig, warum es dazu gekommen war – eine ideale Voraussetzung für einen Historiker.

Viele Nachrufe, so in der Zeit, dem Spiegel oder in der Wiener Zeitung, streichen freilich einen Aspekt hervor, der die Schwierigkeit von Geschichtsforschung zeigt, insbesondere von Zeitgeschichte: In der Blütezeit der totalitären atheistischen Ideologien zog es Eric Hobsbawm, wie viele säkular erzogene Jugendliche jener Zeit, zum Marxismus, und zwar in seiner sowjetischen Ausprägung. In vielen Nachrufen wird da beschönigt, er sei ja eher ein „linker Sozialdemokrat“ gewesen, doch man muß sich klarmachen: Weder der Hitler-Stalin-Pakt 1939 noch die Niederschlagung der Arbeiterunruhen in der DDR 1953 noch die Unterdrückung des Ungarnaufstands 1956 oder der Einmarsch der UdSSR in der Tschechoslowakei 1968 konnten ihn in seiner Mitgliedschaft bei der moskautreuen Kommunistischen Partei Großbritanniens beirren. Hobsbawm gehörte jedoch in den Siebzigern zum Flügel der Eurokommunisten, die bekanntlich die strikte Bindung an Moskau kritisch sahen.

Diese romantische Bindung an den Marxismus seiner Jugend, die in einem innigen Glauben an die dauernde Relevanz Karl Marx’ für die Analyse der sozioökonomisch geprägten Geschichte gipfelte, wird nun zum Zeichen seines aufrechten Ganges verklärt, und zeigt doch nur, daß selbst intensive Forschung einen von liebgewonnenen Ansichten nicht abkommen läßt. Wahrscheinlich ist diese andauernde Bindung sogar gerade ein Produkt seines immensen Intellekts, denn große Geister können nagende Widersprüche glaubwürdig hinwegargumentieren, die einfachere Gemüter ins Grübeln bringen würden.

Ein Beispiel der Verklärung ist dieser seltsame Parallelismus in der Zeit:

Zwei große Niederlagen hat er erleben müssen: Da wäre zum einen der Untergang der Weimarer Republik, den der junge Kommunist in Berliner Straßenkämpfen erlebte. Zum anderen war es der Untergang des Weltkommunismus 1989, den er als Zeuge in der Ferne miterleben musste. Zwar war da Hobsbawm längst zum aufgeklärten Marxisten geläutert, der mit den Parteimachthabern des Ostblocks nichts zu tun hatte – sein Parteibuch der britischen KP allerdings, der er seit 1936 trotz aller Kritik angehörte, behielt er bis zur Auflösung dieser Splitterpartei 1991, sei es aus Nostalgie, sei es aus Achtung vor einem Menschheitstraum.

Da wird nebenbei ordentlich Geschichtsklitterung betrieben, denn auch die Kommunisten wollten ja den Untergang der Weimarer Republik, und ein Mensch, der Toleranz und Freiheit schätzt und für sich einfordert, wie es angeblich auf die „Zeit“-Redakteure zutrifft, kann wohl kaum den Niedergang der sowjetischen Herrschaftsform als absolute Niederlage beschreiben. Sein Ausspruch, die Verwirklichung des kommunistischen Traumes wäre wohl viele Millionen Tote Wert gewesen – den er nachfolgend so relativierte, er sei ja eben nicht verwirklicht worden – zeugt von einem Historiker, bei dem das Epithet „kritisch“ durchaus vieldeutig sein kann.

In seiner 2002 erschienenen Autobiographie „Interesting Times“ (deutsch mit dem weniger ironischen Titel: „Gefährliche Zeiten“) bekennt er freimütig die ordnende Rolle der Partei in seiner Jugend: Wenn die Partei befohlen hätte, man solle seine Lebensgefährtin, seine Ehefrau verlassen, so hätte man das getan; jeder inhaltlichen Volte war zu strikt zu folgen, Disziplin zu halten und der Hierarchie zu gehorchen. Es ist vielleicht nicht zufällig, daß Hobsbawm selbst die Partei als kommunistische Universalkirche bezeichnet hat. Sie hat ihm eine sinnstiftende Erzählung gegeben, er hat ihr unverbrüchlich die Treue gehalten.

Und so ist das Leben Hobsbawms auch für uns eine Mahnung, nicht in den schon in der Bibel erwähnten Fehler zu verfallen, die Splitter im Augen der anderen zu sehen und fleißig zu kritisieren, die Balken im eigenen Auge aber zu übersehen oder mehr oder weniger brillant schönzureden. Denn die Blindheit Hobsbawm gegenüber den Untaten des Sowjetkommunismus ist nicht einzigartig, und die Blindheit gegenüber der dunklen Seite der eigenen Denkschule eine Herausforderung für jeden.

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Ein Gedanke zu “Zu Eric Hobsbawm

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