Iran: Die Sanktionen haben die wirtschaftliche Schwäche offengelegt


Der interne Kursverfall des iranischen Rial, sowohl gegenüber dem Dollar als auch dem Warenangebot, ist atemberaubend. Der offizielle Wechselkurs beträgt zwar 12.284 Rial je US-Dollar bzw. 15.882 Rial je Euro (Quelle: Yahoo), doch am informellen Markt soll der Kurs momentan über 35.000 bis 40.000 Rial je Dollar betragen.

Bloomberg berichtet, daß viele Händler wegen der rasanten Entwertung gar nicht mehr aufsperren wollten und mit Gewalt dazu gezwungen wurden. Die Menschen würden Lebensmittel und andere Waren horten, um sich für weitere Preisanstiege zu wappnen.

Die steigenden Preise sind einerseits darauf zurückzuführen, daß der Iran durch den internationalen Ölboykott deutlich weniger Devisen lukriert, mit denen die Importe bezahlt werden – zum Teil steckt also eine einfache Güterknappheit dahinter. Andererseits ist offensichtlich auch die Geldpolitik im Iran zu locker. Und das muß sie wohl auch sein: Der Iran leidet unter chronisch hohen Defizit, will und kann sich aus verständlichen Gründen aber nicht an den internationalen Kapitalmärkten finanzieren. Da nun auch die Einnahmen aus dem Öl- und Gasexport, der vor wenigen Jahren fast die Hälfte des Budgets finanzierte, wegbrechen, kann das Loch nur durch Ausgabenkürzungen und Seignorage – Einnahmen aus der Geldausgabe – gestopft werden. Bevor man es sich mit allzu vielen verscherzt, druckt man lieber fleißig Geld.

Der überraschende Vorschlag des iranischen Präsidenten Achmadinedschad, nun doch auf die eigene Anreicherung von Uran verzichten zu wollen, weißt auf die Rolle der Sanktionen hin. Allerdings hat der Iran schon etliche Ankündigungen gemacht, denen keine Taten gefolgt sind – und daher ist die diplomatische Glaubwürdigkeit des Regimes schwer beschädigt, eine rasche Aufhebung der Sanktionen daher nicht in Sicht.

Das Kernproblem der iranischen Wirtschaft sind aber nicht die Sanktionen; sie machen die Schwäche und Auslandsabhängigkeit nur sichtbar. Der Iran ist unterindustrialisiert, verfügt nicht einmal über ausreichende Raffineriekapazitäten für den Eigenbedarf. Die größeren Betriebe, die es gibt, sind in der Regel verstaatlicht oder staatsnah, darunter das Firmengeflecht der Iranischen Revolutionsgarde. Im Sinne von Acemoglu und Robinson kann man von „extraktiven“, also „ausbeutenden“ Eliten im Iran sprechen, die nicht durch Entwicklung der wirtschaftlichen Kraft des Iran an Macht und Wohlstand gewinnen, sondern durch simple Abschöpfung bestehender Wertschöpfung inbesondere aus dem Ölgeschaft. Was erwirtschaftet wird, steckt man in Prestigeprojekte wie das Atomprogramm, um dessen Kosten man wohl bereits erhebliche wirtschaftliche Fortschritte erzielen hätte können. Um das Volk ruhigzuhalten, werden mit dem Öleinnahmen viele Güter des täglichen Bedarfs, oft importierte Ware, subventioniert.

Das geht nun dank sinkender Öleinnahmen nicht mehr, und Importe kann man auch nicht mit selbstgedrucken Rial bezahlen – das könnten sich gewöhnlich nur Staaten leisten, bei denen der Außenhandel ohnehin nicht über den Staat abgewickelt wird. Vorläufig setzt die iranische Regierung auf Gewalt, Beschuldigung von Spekulanten und Preiskontrollen, doch jeder der Wirtschaftsgeschichte Kundiger weiß, daß man damit höchstens etwas Zeit kaufen kann. Ob die iranischen Eliten zu den notwendigen Wirtschaftsreformen bereit sind? Und: Ob Sie diese politisch überleben können?

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