Daniel Kehlmann oder die Vermessenheit der Welt


Es ist nun einmal üblich, zur Bewerbung eines Filmes durch Interviews mit mehr oder weniger geistreichem Inhalt die Werbetrommel zu rühren, und so hat sich der Schriftsteller Daniel Kehlmann anlässlich der Verfilmung seines Buches „Die Vermessung der Welt“ zu einer „Presse“-Plauderei mit Barbara Petsch begeben. Man sollte die Worte in solchen Gespräche also nicht auf die Goldwaage legen, insbesondere bei einem Routinier wie Kehlmann, der mit Publikumserwartungen und Statussignalen spielen kann und damit und dabei Werke schreibt, die man neugierig und mit Freude verschlingt.

Kehlmann versucht dabei, für das Publikum wagemutig-intellektuell zu klingen, in dem er verkündet, er würde sich mit der „philosophy of mind“ beschäftigen, also der Philosophie des Geistes, der Auslotung seiner Bedingheit und Existenz. Dann verkündet er, es gebe kein Ich, es sei nur ein Modell. Nun, das ist einmal ein non sequitur, einmal eine Binsenweisheit.

Wenn wir über die Wirklichkeit nachdenken, sie wissenschaftlich erkunden, so haben wir notwendigerweise nicht die komplexe Außenwelt, sondern ein Modell davon in unserem Kopf. Bekanntlich ist eine Landkarte im 1:1-Format wenig hilfreich, wie die berühmte Ökonomin Joan Robinson einmal festgestellt hat. Aber das hat Kehlmann wohl gar nicht gemeint, sondern eher die Schwierigkeit vieler Denker, von einer manichäischen Dichotomie zwischen Geist und Materie zu lassen. Nun ist man nun einmal ohne Leib kein Mensch, und der Leib verkörpert die Individualität, Einzigartigkeit jedes Menschen, damit auch die Berechtigung, vom Ich zu sprechen. Die Reduktion des Ich auf den Teil des Bewußtseins, dessen Entscheidungsprozeß so geschieht, wie sich das ein Geistesnarziss vorstellt, ist eine sinnlose Reduktion. Das zum Ich auch unbewußte, unwillkürliche Handlungen und Gedanken gehören, war schon Augustinus bekannt.

Christlich interpretiert sage ich: Es zeigt sich der Grund, warum Paulus den Leib als den Tempel der Seele bezeichnet hat, Thomas von Aquin hervorgehoben hat, daß die unsterbliche Seele ohne den sterblichen Leib nicht tätig sein kann. Ich möchte da auch Wittgenstein folgen, der die Anwendung des materialistischen Reduktionismus auf das Leib-Seele-Problem, wie es  Philosophen des 20. Jahrhunderts gerne tun, für einen Kategorienfehler hält. Mit den Mitteln der Naturwissenschaft kann man über die Seele nicht reden, so, wie man über den Inhalt eines Buch wenig aussagen kann, wenn man das Gesamtgewicht der Druckerschwärze ausgerechnet hat.

Was Darwin betrifft, lohnt sich das Verbreitern gar nicht, denn Darwin selbst hätte sich wohl sowohl über diese angeblich unausweichliche Konsequenz der Evolutionstheorie wie auch über die autoritative Nennung seines Namens gewundert. Die Evolutionsbiologie ist eine Wissenschaft, die sich weiterentwickelt hat, die neue Theorien aufgestellt, neue Fragen aufgeworfen hat, und sich von Darwins Erstskizze natürlich beträchtlich unterscheidet. Und um zu Wittgenstein zurückzukehren: Wieder sind wir im Kategorienfehler. Diesmal sogar ganz offensichtlich. Die Aussagen Kardinal Schönborns, dem er hier provokativ recht geben will, hat er wohl ebenso nicht aufmerksam gelesen, denn Schönborn will natürlich keine Aussage über die biologische Theorie abgeben, sondern über die philosophische Frage der Ordnung und des Sinns der Welt und der Geschöpfe in ihr. Das Staunen erfüllt ihn über diese Welt, und er meint, darin die Handschrift des Schöpfers zu sehen. Es ist eine Verteidigung gegen den disziplinären Imperialismus mancher Naturwissenschafter, die alles rein mit materialistischem Reduktionismus erklären wollen.

Über die Fehlbeschreibung des Buddhismus schweige ich ganz, da gibt es jedenfalls Berufenere als einen katholischen Hollerbusch.

Wie gesagt: Ich nehme an, daß Kehlmann diese Fehler mehr unterlaufen sind, weil er sich als interessant-intellektuell darstellen wollte, und gegenüber seiner Zielgruppe wird das damit wohl auch gelungen sein. Ganz davonkommen will ich ihn aber eben auch nicht lassen.

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