Augustinus und die Gefahr der Heiligen Schrift


Gerade hat mich ein Bekannter auf ein interessantes Augustinuszitat aufmerksam gemacht:

„Sint castae deliciae meae scripturae tuae nec fallar in eis nec fallam ex eis.“

Da ahnt man etwas vom glänzenden Rhetoriker Augustinus, der mit Worten spielen kann, sie wie Edelsteine schleift. Gerade deswegen ist ihm die Gefahr bewußt, auf die dieser Satz aufmerksam machen will.

Wörtlich heißt es: „Es seien meine frommen Vergnügungen Deine Schriften; weder möge ich in diesen getäuscht werden noch aus diesen täuschen.“ Das Wort castus ist mehrdeutig, kann auch „keusch“, „makellos“ oder „rein“ bedeuten. Damit ist es der perfekte Begleiter des Wortes deliciae, bei dem Vorstellungen von Lust und Genuß mitschwingen. Und dann das Wortspiel der zweiten Hälfte, das aus der Parallelstellung seine Kraft bezieht und das Problem vieler Schriftgelehrter auf den Punkt bringt: Weder sich beim Lesen in diesen täuschen, noch durch falsche Auslegung oder Zitierung aus diesen andere täuschen.

Der Satz stammt aus dem 11. Buch der Confessiones des Augustinus, der Bekenntnisse, die seine Vergangenheit und seine gegenwärtige Durchmessung des Glaubens aufzeichnen. Die Gefahr, die Schrift nicht aus dem Glauben heraus zu lesen, sondern als intellektuelle Übung oder gar zur Angeberei, und damit ihrem Wesen nicht gerecht zu werden, war ihm, dem hochangesehenen Redner und führendem Intellektuellen, bewußt. Ebenso die Gefahr, statt mit offenem Herzen die Schrift bloß zur Bestätigung eigener Vorurteile zu lesen und sich zu täuschen, genauso die Gefahr, durch rhetorisches Blenden Stellen der Schrift zu missbrauchen, um zu beweisen, was eigentlich nicht beweisbar ist. Weil es gar nicht so einfach ist, sich dagegen zu wappnen, hat Augustinus diese Zeile in ein Gebet eingeflochten – und erinnert damit an eine gute Tradition: Vor dem Lesen in der Bibel kurz zu beten, damit man auch mit der richtigen Einstellungen an das Buch der Bücher herangeht, und sich gegen den eigenen intellektuellen Hochmut rüstet.

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