Bartimäus bei Beda Venerabilis


Die Evangeliumsstelle zum 30. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahrs B erzählt die Geschichte von der Heilung eines Blinden nach Markus. Die Begebenheit wird auch bei Matthäus (Mt 20,29-34) und Lukas (Lk 18,35-43) erzählt, wurd aber gerade beim eher trockenen Markus sehr unmittelbar. Er nennt den Namen des Blinden, der vor Jericho lag, Bartimäus, also der Sohn des Timäus, und berichtet auch einige Details, z.B. daß Jesus ihn gehört und gerufen hat, worauf einige ihm Mut zusprachen, doch zu Jesus zu gehen, oder daß er seinen Mantel wegwarf. Nur ein paar Pinselstriche, mit denen die Szene lebendiger wird und die nahelegen, daß Markus die Geschiche des Bartimäus zumindest indirekt von jemandem gehört hat, der sie erlebt hat. Hier kurz die Stelle:

Sie kamen nach Jericho. Als er mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus. Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir! Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich. Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu. Und Jesus fragte ihn: Was soll ich dir tun? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte wieder sehen können. Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg.

Der große angelsächsische Mönch und Gelehrte Beda Venerabilis hat in seinem Markuskommentar dazu einige Überlegungen kompiliert und notiert, die wiederum im großen, von Thomas von Aquin redigierten Kommentar der Catena Aurea zitiert worden sind. Ich wähle daher den Abschneider und darf die Übersetzung der Beda-Stellen vom deutschen Catena-Aurea-Projekt bzw. aus der englischen Übersetzung des seligen John Henry Newman montieren:

Matthäus (20,29-34) berichtet von zwei Blinden, die am Weg saßen, zum Herrn riefen und ihr Augenlicht wiedererlangten. Lukas (18,35-34) dagegen erzählt, daß ein blinder Mann unter denselben Umständen von ihm geheilt wurde, als Jesus in Jericho ankam. Dabei wird niemand – oder zumindest keiner, der Weisheit besitzt – annehmen, daß die Evangelisten in ihren Schriften einander widersprechen, sondern vielmehr der eine das näher ausführt, was der andere übergeht. Man muß es also so verstehen, daß es Markus vor allem um diesen einen Blinden ging. Das wird auch daran deutlich, daß er dessen Namen und den seines Vaters überliefert.

Daß Jesus aber, als er nach Jericho kam, einem Blinden das Augenlicht schenkte, als er aber von da wegging, zweien, das deutet darauf hin, daß er vor seinem Leiden nur einem Volk, den Juden, predigte, nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt aber eröffnete er durch die Apostel den Juden und den Heiden das Geheimnis seiner Menschheit und Gottheit. Markus schreibt von dem einen Geheilten, weil er auf das Heil der Heiden schaut: das Beschriebene soll ein Beispiel für die Rettung jener sein, die er durch seine Belehrung zum Glauben führt. Matthäus dagegen schrieb sein Evangelium für diejenigen, die aus den Juden zum Glauben gekommen waren; es sollte aber auch den Heiden bekannt werden, und so berichtet er treffend von zweien, denen das Licht geschenkt wurde, damit er uns lehre, daß die Gnade des Glaubens jedem Volk zugehöre.

Daher saß, als der Herr mit seinen Jüngern und einer großen Menge Jericho verließ, der blinde Mann bettelnd am Wegesrand, das heißt, wenn der Herr in den Himmel auffuhr, und viele der Gläubigen ihm folgten, ja, wenn alle Erwählten von Anbeginn der Welt zusammen mit ihm durch das Himmelstor traten, begann das heidnische Volk sogleich Hoffnung seiner eigenen Erleuchtung zu hegen; denn nun sitzt es bettelnd am Wegrand, weil es den Weg der Wahrheit noch nicht betreten und erreicht hat.

[Warum der Blinde Jesus ruft] Sollte der, der ihm das (Augen-)Licht wiedergeben konnte, nicht wissen, was der Blinde wollte? – Jesus fragt ihn deshalb, damit der Mann ihn darum bittet; er fragt ihn, damit sein Herz wieder lebendig wird und es ein Gebet hervorbringt.

In einem mystischen Sinn jedoch zeigt Jericho, das „Mond“ bedeutet, das Abnehmen unseres flüchtigen Geschlechts an. Der Herr stellte das Augenlicht des Blinden wieder her, als er sich Jericho näherte, weil, in dem er ins Fleisch kam und sich seinem Leiden näherte, er viele zum Glauben brachte; denn es war nicht in den ersten Jahren seiner Fleischwerdung, sondern in den wenigen Jahren vor seinem Leiden, daß er das Geheimnis des Wortes der Welt enthüllte.

Aber der Herr ruft den Blinden, der zu ihm schreit, wenn er das Wort des Glaubens zu den Völkern der Heiden durch Prediger sendet; und sie rufen den Blinden, guten Mutes zu sein und sich zu erheben, und heißen ihn zum Herrn zu kommen, wenn sie durch Predigt zu den einfachen Menschen diese heißen, die Hoffnung der Erlösung zu haben, und sich von der Trägheit des Lasters zu erheben, und sich selbst mit einem Leben der Tugend zu gürten. Wieder wirft er seinen Mantel weg und springt, der die Fesseln der Welt beiseitewerfend mit unbelastetem Schritt zum Geber ewigen Lichts eilt.

Machen wir es also wie er, und bitten den Herrn nicht um Reichtümer, irdische Güter oder Ansehen, sondern um das Licht, das nur wir und die Engel zu sehen vermögen, und zu dem der Glaube der Weg ist, weswegen Christus also dem Blinden antwortet: „Dein Glauben hat dir geholfen.“ Aber er sieht und folgt, der tut, wovon sein Verstand ihm sagt, es sei gut; denn er folgt Jesus, der versteht und ausführt, was gut ist, der es ihm gleichtut, der nicht wünschte, in dieser Welt zu prosperieren, und Schande und Spott zu tragen hatte. Und weil wir von der inneren Freude abgefallen sind, durch die Ergötzung an den körperlichen Dingen, zeigt er uns, welche bitteren Gefühle die Rückkehr dorthin uns kosten wird.

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