Ohne Mythos?


Gerade ist mir eine Werbung für einen Vortrag ins Gesicht gesprungen, die „Luther ohne Mythos“ versprach. Dabei steht er unter dem Schriftzug „Eine feste Burg ist unser Gott“ auf Säulen, die lauter negativ konnotierte Wörter enthalten, von Antisemitismus bis Misogynie.

Nun bin ich bekanntlich kein Verteidiger Luthers, und seine problematischen Äußerungen etwa zu den Juden sind ja wohlbekannt. Aber das alles macht schon klar, daß es da nicht um ein nüchternes Bild des Übersetzers, Dichters, Gelehrten und Politikers geht, sondern um eine gründliche Demontage aus der behaglichen Überlegenheit der Gegenwart.

So ist es ja meistens: Heißt es „Ohne Mythos“, dann geht es in der Regel gerade um die Konstruktion von Mythen, mit denen die eigene negative Emotion zu jemandem in eine Sinn heischende Erzählung verwandelt werden soll.

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7 Gedanken zu “Ohne Mythos?

  1. das ist wieder mal das problem, historische personen und begebenheiten nach heutigen maßstäben zu bewerten. Man muss alles im Kontext der Zeit sehen. Ich merke das oft, dass zB frühere Monarchien mit heutigen Republiken verglichen werden und dann gesagt wird, wie unterdrückerisch sie waren – vergleicht man sie jedoch mit zeitgenössischen Republiken, sieht man, dass sie keinen Millimeter schlechter waren als diese. Man muss ALLES im Kontext der Zeit sehen. Und vor allem darf man Antijudaismus NIEMALS mit Antisemitismus verwechseln! Natürlich ist beides verwerflich, aber man darf es nicht in einen Topf werfen! Manche Spinner vergleichen einen Dr. Lueger, oder auch einen Luther (der sich negativ über Juden geäußert hat) gleich mit einem Hitler (der Millionen Juden ERMORDET hat) – und das ist natürlich eine frechheit! Man muss immer bedacht sein, wenn man historische Ereignisse verurteilt – ohne die historische Umgebung zu kennen (was die meisten schimpfenden Leute ja nicht tun)

    • Das Problem bei solchen Vergleichen wie Luther / Hitler ist ja auch, dass durch diese die Gräueltaten verharmlost werden. Denn im tagtäglichen Gebrauch ist der Unterschied zwischen diesen den meisten Menschen doch, wenn auch nicht bewusst, so doch klar.
      Wir müssen uns vor Gleichsetzungen, Vergleichen, Verallgemeinerungen hüten, da so nachträglich Böses relativiert werden kann und Unsägliches ein Sagen bekommt. Mir ist dieses auch im Ausland aufgefallen, z.B. bei der Nutzung des Wortes Holocaus. Durch falsche oder zu häufige Nutzung für Alltäglichkeiten verlieren diese Worte ihre Ausdrucksstärke und stehen nicht mehr dafür, wofür man sie eigentlich gewählt hat. Für die jüngeren Menschen verliert der Begriff dadurch an Aussagekraft und auch an Glaubwürdigkeit.

      • genau so ist es. deswegen regt es mich auch auf, dass viele Linke mit dem „Nazi“-Begriff um sich werfen und jeden so nennen – denn nach einiger Zeit (und vielleicht ist es auch schon so weit) wissen die meisten jungen Leute nicht mehr, was die Nazis wirklich getan haben und glauben, dass jeder, der zB radikale Muslime kritisiert ein Nazi ist – und wirft simit verbale Kritik mit Massenmord in einen Topf – und dann erscheint eventuell Hitler nicht mehr so schrecklich wie er wirklich war. Deswegen finde ich es auch arg, dass bei uns in Österreich einige sagen wir „zuwanderungskritische“ Politiker gleich Nazis genannt werden – als ob Kritik am Verhalten mancher Zuwanderer gleichzusetzen sei mit Massenmord.

      • Vor allem wird der Begriff sinnentleert. Der Nationalsozialismus war/ist eine bestimmte totalitäre Ideologie, und wird zum beliebigen Wort für Personen, die einem nicht zu Gesicht stehen. Da ist man im Englischen aber noch weiter als bei uns, wo etwa Personen, die pedantisch auf Grammatik achten, als „grammar nazis“ verunglimpft werden.

      • ja der englischsprachig raum ist ziemlich frei mit solchen dingen. da sie die nazis nicht direkt selbst miterebt haben, sind sie da noch weniger streng als wir. Und in den USA werden Neonazis ja leider auch weitgehend geduldet

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