Armut ist nicht Armut


Kurzer Link: Rolf Gleissner erklärt (ausgerechnet im Standard), warum Armut nicht gleich Armut ist und warum etwa ausgerechnet in der Wirtschaftskrise die „Armutsgefährdung“ gesunken ist. Das liegt nämlich an der Definition. Ein Zitat:

Und als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des Medianeinkommen bezieht. Die slowakische Familie mit einem Monatseinkommen von 1000 Euro ist nicht „armutsgefährdet“, weil sie über dem niedrigen Medianeinkommen in der Slowakei liegt. Die österreichische Familie mit einem Monatseinkommen von 2000 Euro ist „armutsgefährdet“, weil sie unter dem heimischen Durchschnitt liegt. Die Folge: Nach der Statistik gibt es in der Slowakei weniger „Armutsgefährdete“ als in Österreich.

Auch sonst hat die Definition der Armut über das Medianeinkommen einige seltsame, wohl beabsichtigte Effekte. So sinkt bei extremer Ungleichverteilung der Einkommen die Zahl der Armutsgefährdeten, wenn nur das Medianeinkommen, also das Einkommen der mittleren Person, noch zu den Schlechterverdienenden gehört. Umgekehrt kann ein allgemeiner Aufschwung die statistische Armutsgefährdung nicht reduzieren, da sich ja in Prozent des Medianeinkommens nichts geändert hat.  Armutsstatistiken sind also wohl nur mit Vorsicht zu lesen, will man aus ihnen ernsthafte Schlüsse etwa für politische Arbeit ziehen.

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10 Gedanken zu “Armut ist nicht Armut

  1. Definitionen von Armut sind nie unproblematisch, weil sie wie kaum eine andere politisch sehr gefärbt sind. Mir sagt die Definition zu, dass man von Armut und sozialer Ausgrenzung bzw. der Gefährdung dafür dann sprechen sollte, wenn den Menschen die Teilnahme am öffentlichen Reichtum nicht möglich ist. Das heißt, wenn z.B. ein Mensch auf Grund seiner sozialen und wirtschaftlichen Situation nicht in der Lage ist, am öffentlichen Reichtum (Theater, Konzerte, adäquate Schulausbildung, Krankenhäuser, Straßen etc.) teilzunehmen, muss man von einer zumindest Gefähdung durch Armut und soziale Ausgrenzung ausgehen.
    Öffentlicher Reichtum wird durch die Anstrengungen aller in einer Gesellschaft lebenden geschaffen. Ist dessen Nutzung nicht allen Mitgliedern dieser Gesellschaft möglich, dann ist der Gefährdungspunkt Armut und soziale Ausgrenzung gegeben.

    • Ein guter Ansatz, denn Armut läßt sich nicht monetär(also mit Geld) messen. Es drückt sich eher am Grad der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben aus. D.h. ist er noch in der Lage daran teilzunehmen oder nicht? Kann er noch unter menschenwürdigen Bedingungen leben und die orientieren sich an seiner Umgebung (relative Sicht) und an Mindeststandards (absolute Sicht).
      Indikatoren wären da z.B. Anteil des Verfügbaren Einkommens am Gesamteinkommen und durchschnittliche finanzielle monatliche Belastung. Ein Grundrecht auf Wohneigentum könnte da mal wegweisend sein. (absolut gesehen ist also jeder arm, der kein eigenes Dach überm Kopf hat)

      • Grundsätzlich d’accord. Bei Armut gibt es sowohl eine absolute als auch eine relative Komponente. Ein Recht auf Wohnungseigentum scheint mir aber übers Ziel hinauszuschießen. Kann man denn so ein Recht verwirklichen, ohne massiv in die Rechte anderer einzugreifen, oder das Gemeinwesen in unverhältnismäßige Kosten und Ressourcenbindung zu stürzen? Aber daß jeder Mensch einen festen Wohnort haben kann, ein Dach über dem Kopf, einen Ort, sei er noch so klein, der ein Daheim darstellt, das scheint mir ganz wesentlich, und in der Kraft unserer Gemeinwesen.

      • Ja, das kann man. Es gehört zu Würde eines Menschen, ein eigenes Dach zu besitzen. Wie ich sehe ist das brainwashing schon sehr weit fortgeschritten. Sicherlich sehr weitreichende Forderungen in einer Zeit, in der man laut über die Privatisierung des Wassers sinnieren darf, ohne dabei zerissen zu werden. Ist es nicht menschenverachtend solch eine Behauptung aufstellen zu dürfen?

      • Zwischen dem Schaffen einer Wohnmöglichkeit für jeden und einem „Recht auf Wohnungseigentum“ besteht ein himmelweiter Unterschied. Dieses Recht würde implizieren, daß andere ein Wirtschaftsgut schaffen, das mir ohne Gegenleistung und eigenen Beitrag nicht nur zur Nutzung, sondern auch zur wirtschaftlichen Verwertung, Weitergabe etc. überlassen wird. Man kann das noch weiter ins Absurde führen: Nach Verwertung der Wohnung hat man ja bei einem Recht auf Wohnungseigentum wiederum Anspruch auf das Eigentum einer aus der abgeschöpften Leistung anderer entstandenen Wohnung erheben. Klingt nach einem interessanten Geschätsmodell …

      • Interessanter Aspekt, den ich unterbinden würde in meinem Gesellschaftsmodell. Denn so ein Anspruch darf sich ohne triftigen Grund nicht miltiplizieren. Ich meinte damit eher, dass jeder der eine eigene Hütte bewohnt freier ist, als jeder Mieter in einem Steinhaus.

  2. Der Gedanke eines Anrechts auf Wohnung ist nicht so abwegig. Der Punkt ist, dass die meisten Menschen heutzutage sehr hohe Ansprüche an den Wohnraum haben. Das Wohnen muss der Menschenwürde entsprechen, nicht den Designansprüchen unserer Zeitschriften und der Industrie. Aber ebenso wichtig ist ein Anspruch auf Bildung und Arbeit. Nur eine gute Schulbildung ermöglicht eine Teilhabe am öffentlichen Reichtum.

    • So etwas hat mal einer mit dem „Volkswagen“ eigentlich ganz gut angefangen, um dann sehr schwach zu enden.. Wer halt mehr haben möchte ist seines eigenen Glückes Schmied.

  3. ??? Beim Ford T könnte ich verstehen, was Sie meinen. Wenn Sie mit VW die Motorisierung Deutschlands mit dem Käfer u.a. in den 50ern und 60ern meinen, auch. Aber VW hat ja über Tochtermarken auch heute noch günstige „Volkswägen“.

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