kreuz.net, Leiden und Angst


Ich habe mich in der kreuz.net-Debatte aus einem einfachen Grund zurückgehalten: Mehr, als das es diese Seite auch gibt, habe ich davon nicht mitbekommen. Vor vielen Jahren habe ich es ein paar Mal angeschaut, doch mir war es damals einfach zu boulevardesk. Nun gibt es diese Seite anscheinend nicht mehr; ich kann also nicht einmal mehr eruieren, ob die ganze Aufregung gerechtfertigt ist oder nicht, auch wenn man einzelnes aus der Berichterstattung rekonstruieren kann.

Was mich schon etwas stutzig macht, sind die eilfertigen Distanzierungen, die umfangreichen Stellungnahmen, wie schrecklich diese Seite war und wie gut es sei, daß es sie nicht mehr gebe. Der stillschweigende oder auch laute Vorwurf an die Hierarchie, sie sei nicht energisch genug gegen die Betreiber der Seite aufgetreten. Sie klingen danach, als wolle man jeden Verdacht von sich weisen, in diese Angelegenheit verwickelt zu sein, und ruft deswegen schnell: „Haltet den Dieb!“

Das hat wohl seinen Grund, denn mittlerweile scheint ein regelrechtes Kesseltreiben eingesetzt zu haben, bei dem auch in Kauf genommen wird, Unbeteiligte mit hineinzuziehen. Auch Personen, die ohnehin immer unter ihrem echten Namen gepostet haben sollen, werden nun anscheinend behelligt, auch wenn sich vorher niemand an ihren Beiträgen gestoßen hat. Soviel ist jedenfalls der Berichterstattung und den vielen Dementis und Klarstellungen zu entnehmen. Für einige Personen, gerade solche, die gar nichts mit dem Portal zu hatten, sind diese Unterstellungen z.T. existenzbedrohend. Daher kann ich auch Le Penseur zustimmen, der meint:

Und noch eines: die Anonymität aufzugeben heißt, sein restliches Leben (!) lang mit einer Äußerung erpreßbar zu sein. Ohne Verjährung, oder Gutmachung, jederzeit zur Hatz freigegeben, wenn man »fällig« ist. Das zu verlangen, ist kühn. Es zu tun, tollkühn.

Zur Meinungsfreiheit gehört es dazu, daß man wirklichen Unsinn und auch Gehässigkeiten ertragen muß. Toleranz ist nichts anderes. Als es in Österreich zur Wende kam, riefen linke Demonstranten: „Schüssel, Haider an die Wand!“ und „Gebt uns Waffen!“. Das galt bekanntlich medial als akeptabel. Wer Aufrufe zum Anzünden von Kirchen lesen will, braucht nur bis zur Antifa Freiburg  schauen, deren entsprechende Äußerung als Bestandteil der Meinungsfreiheit qualifiziert wurde. Kürzlich erst wurde einer Journalistin gewunschen, sie solle als Hexe verbrannt werden. Ok, der Urheber hat sich entschuldigt, und Twitter verleitet geradezu zu unüberlegtem Posten. Die letzten Tiraden des Haß-zerfressenen David Berger sind auch nicht ohne, außer: Ohne Wahrheit. Wer es besonders gehässig mag, soll sich auf den Foren des Standards herumtreiben, dort wird praktisch nichts ausgelassen. Das soll kein Aufrechnen sein, denn das ist sinnlos – eine Gehässigkeit wird nicht harmloser, weil ein anderer ebenso gehässig ist. Nur ein Hinweis, was heutzutage alles in den Rahmen der akzeptierten Meinungsfreiheit fällt.

Die Seltsamkeit von kreuz.net war ja eigentlich, daß sie den Beinamen „katholisch“ usurpiert haben. Denn die Seite mag ja viel gewesen sein, aber sie war schon vor Jahren nicht besonders katholisch. Ob sich das geändert hat? Ich weiß es nicht. Und offenbar haben Bedienstete einer Organisation dort gegen ihre eigenen Vorgesetzten – bis hin zum Heiligen Vater – Stimmung gemacht. Diese Illoyalität ist verwerflich, allerdings eine interne Angelegenheit. Angesichts der großen innerkirchlichen Toleranz gegen scharfe Kritiker in den eigenen Reihen ist es aber kein Wunder, daß die Macher von kreuz.net aus dieser Ecke nicht viel zu befürchten hatten. Übrigens eine Art Treppenwitz: kreuz.net konnte also gerade wegen der toleranten Haltung der Kirchenführung existieren, die wohl genau nicht nach dem Geschmack der Betreiber gewesen sein dürfte.

Als Ökonom muß ich aber sagen: Offensichtlich gab es nach den Inhalten eine große Nachfrage, wie ich etwa diesem Beitrag bei Thermometer entnehme. Daher wird es, solange wir in einem freiheitlich verfaßten Gemeinwesen leben, wohl auch bald wieder ein Angebot in irgendeiner Form geben, daß diese Nachfrage befriedigt. Deswegen ist der erste und beste Tip, um solche Angebote trockenzulegen, ihnen gar keine Aufmerksamkeit zu schenken, und so auch nicht durch Verlinkungen Leser dorthin zu schicken.

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