Jakob Augstein, Stereotype und Stellvertreter


Das Simon-Wiesenthal-Center in Los Angeles erstellt jedes Jahre eine „Hitliste“ antisemitischer und/oder antiisraelischer Diffamierungen, die dieses Mal in Deutschland besondere Aufmerksamkeit erlangt hat, weil sich der deutsche Journalist Jakob Augstein darauf befindet. Die folgende Berichterstattung ist dann amüsant bis erschreckend.

So schreibt FAZ-Cheffeuilletonist Nils HMinkmar:

„Die Nominierung von Jakob Augstein auf Platz neun der Liste der zehn schlimmsten Antisemiten ist ein schwerer intellektueller und strategischer Fehler des Simon Wiesenthal Centers (SWC).“

Da ist schon einmal der Fehler enthalten, daß die Liste keineswegs die schlimmsten Antisemiten ausweisen will, sondern bemerkenswerte Aussagen antisemitischer oder antiisraelischer Provenienz. So haben es die westeuropäischen Fußballfans nicht deswegen auf die Liste geschafft, weil es keine schlimmeren antisemitischen Fußballfans gebe – jeder arabische Fan-Anhang kann sie da wohl toppen –, sondern weil das Wiederaufflammen des Antisemitismus in Großbritannien und anderswo besorgniserregend ist. Wenn Sprüche wie „You’re getting gassed in the morning“ üblich werden, ist auch die Tat selbst nicht mehr unvorstellbar.

Ebenso ist die griechische Partei „Goldene Morgendämmerung“, („Χρυσή Αυγή“), im Bericht aufgeführt: Nicht, weil in Griechenland Pogrome unmittelbar bevorstünden, sondern weil der Aufstieg einer nationalsozialistisch geprägten und dezidiert antisemitischen Partei in Europa zu Wachsamkeit ruft.

Und so findet sich auch Jakob Augstein, wobei mehrere Zitate im Bericht die Wahl begründen sollen. Bei einem der fünf Zitate verstehe ich die Problematik nicht ganz, doch die anderen vier sind typisch für einen Ressentiment-geladenen Stil, der in Deutschland und Österreich salonfähig geworden ist und dem Simon-Wiesenthal-Center offensichtlich Sorge bereitet.

Diese Sorge wird von HMinkmar etwa deswegen weggewischt, weil das Simon-Wiesenthal-Center eine deftige Aussage von Henryk M. Broder hinzufügt, worüber sich der FAZ-Feuilletonist ausgiebig mokiert, schließlich sei Broder der „Bud Spencer unter den deutschen Kommentatoren.“ In der Berliner Zeitung hängt Christian Bommarius die ganze Verteidigung Augsteins darauf auf, was für einen miesen Charakter doch dieser Henryk M. Broder habe, der sich doch selbst einer NS-Diktion bediene und, so der Subtext, eingesperrt gehöre.

Diese ad-hominem-Vorwürfe ändern freilich nichts an Augsteins publizierten Äußerungen, die stets eine mächtige „jüdische Lobby“ beschwören und einen steuernden Einfluß Israels auf die gesamte Weltpolitik suggerieren. Im Gegenteil: Daß sich Augsteins Verteidigung so auf Broder fokussiert, deutet darauf hin, daß mit Augsteins eigenen Schriften der Beweis schwerlich zu führen sein könnte, daß der Publizist sich nicht gängiger antisemitischer Vorurteile bediene.

Clemens Wergin von der „Welt“ ist daher rechtzugeben, wenn er zwar konzediert, daß die Liste – wie im übrigen alle solchen Top-Ten-Listen – in ihrer Zusammenstellung hinterfragenswert ist, aber auch feststellt:

Das Standard-Abwehr-Argument lautet in diesem Fall stets: Man wird ja wohl noch Israel kritisieren dürfen. […] Das ist ein Argument, dass immer ohne Beispiele auskommt, weil man selten jemanden findet, der Kritik an Israel generell als antisemitisch brandmarken würde. […] Und das ist das eigentlich Erstaunliche an den Texten der Minkmars und vieler anderer, die in solchen Fällen gerne den Augsteins, Butlers und Chomskys beispringen: Die Weigerung, anzuerkennen, dass es auch im linken Milieu eine Form von Israelkritik gibt, die in hetzerischer Absicht geäußert wird und die Schwelle zum Antisemitismus überschreitet. Antisemiten sind immer die anderen, vorzugsweise die Rechtsradikalen. Und das, obwohl gerade die Geschichte des deutschen Linksradikalismus voll ist von antisemitischer Propaganda und antisemitischen Straftaten.

Wergin erinnert da etwa an die grauenhafte Episode in Entebbe 1976, als deutsche Linksterroristen jüdische Passagiere aussonderten, zu der sich mühelos weitere Episoden hinzufügen lassen, wie die geplanten Anschläge auf die Leiter der jüdischen Gemeinden in Berlin und Frankfurt. Aus Österreich könnte ich gleich mehrere verbale Beispiele direkt aus dem Mainstream der Sozialdemokratie beisteuern, aber dazu vielleicht ein andermal mehr.

Ob Augstein jetzt ein echter „Antisemit“ ist oder nicht, ist nebensächlich. Hauptsächlich ist dies: Augsteins Schwarz-Weiß-Malerei leistet der Dämonisierung Israels und der Juden Vorschub, gerade weil sie aus einem gesellschaftlich anerkannten, als intellektuell geltenden Zirkel kommt. Augsteins Bedienung von Vorurteilen kommt aus der Mitte der chattering class und ist nicht bloß Ausdruck einer randständigen Meinung eines Kellerbloggers. Daher ist die sorgenvolle Betrachtung dieses Umstands durch das Simon-Wiesenthal-Center verständlich. Und die mangelnde Reflektion der gemeinten Publizisten bemerkenswert.

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7 Gedanken zu “Jakob Augstein, Stereotype und Stellvertreter

  1. Da scheint Ihnen aber ein grober Fehler unterlaufen zu sein. Augstein kritisiert in seinen Artikeln Israels Regierung. Das dokumentiert auch die Hitliste des SWC in ausgewählten Zitaten. Sie konstruieren daraus eine Gleichsetzung von Israel und den Juden („leistet der Dämonisierung Israels und der Juden Vorschub“). Diese Form von Gleichsetzung von Israel mit den Juden zählt bei den ausgewiesenen Antisemitismus-Experten als antisemitisch.

    • Danke für den Kommentar. Da ist mir aber kein Fehler unterlaufen – Augstein leistet sowohl der Dämonisierung Israels als auch der Juden Vorschub, und bietet beim „Freitag“ auch Platz für entsprechende Äußerungen, wie hier von Georg von Grote, oder einem nach Kritik gelöschten Beitrag zu Ulf Dunkel, der ausführlich antijüdische Clichés bediente. Wie ich außerdem im Artikel festgehalten habe: Es geht mir nicht darum, ob er Antisemit ist oder nicht – das sind letztlich semantische Spitzfindigkeiten. Es geht darum, daß er (lebens)gefährlichen Vorurteilen in den Mainstream verhilft. Soll ihm aus Gründen der Meinungsfreiheit natürlich möglich sein, aber seinen Kritikern auch, darauf hinzuweisen.

      • Hallo Hollerbusch,

        danke für die Antwort.

        Das was Augstein erzählt ist nichts neues. Seine Israelkritik entspricht der kritik der Linken in Israel und den ganzen Haufen israelkritischer Juden in den USA, die lieber die Demokraten als die Republikaner wählen.

        Ein Antisemitismus-Begriff, der zehntausende oder vielleicht hunderttausende von Juden als Antisemiten abstempelt, verfolgt einen anderen Zweck als den Antisemitismus, also die pauschale Ablehnung von Juden und Judentum moralisch zu verdammen. Und genau hierin liegt die Dämonisierung. Während in den USA Anhänger der Republikaner sich problemlos dem klassischen Antisemitismus hingeben dürfen, sehen die jüdischen Verbände die größte Gefahr in den Demokraten, weil sie israelkritisch sind. Dämonisiert werden nicht Antisemiten sondern Israelkritiker. Der neue Antisemitismus Begriff ist im Gegensatz zum klassischen Antisemitismus-Begriff ein rein politischer Begriff, der fatal ist. Denn er leistet Vorschub den wahren Judenhass zu bagatellisieren. Wenn Augstein ein schlimmer Antisemit in einer Reihe mit den ägyptischen Muslimbrüdern und dem iranischen Regime ist, dann ist Antisemitismus nicht mehr schlimm.

        Gruß

        al masala

  2. Lieber Hollerbusch,

    so berechtigt ich Ihre Kritik an Augsteins Israel-Kommentaren finde, an einem Punkt möchte ich Ihnen doch widersprechen:

    Ich kann nicht erkennen, dass der Publizist einer Dämonisierung von Juden Vorschub leistet – so einseitig seine Polemik gegen die israelische Politik ist, richtet sie sich doch (soweit für mich erkennbar) nicht gegen Juden als solche; es ist ja auch nicht jede Kritik etwa an der deutschen Regierung anti-deutsch.

    Dass in der ‚Freitag‘-Community auch Antisemiten zu Wort kommen, ist leider wahr; aber sind solche Äußerungen dem Herausgeber anzurechnen?

    Noch eine Bemerkung zur Israel-Kritik: Oft heißt es, diese sei Ressentiments geschuldet und dem Wunsch, Deutschland indirekt zu entlasten. In vielen Fällen mag das stimmen. Bei Leuten wie Augstein sehe ich aber einen anderen Hintergrund:

    Nämlich die enttäuschte Liebe von wirklichkeitsblinden Idealisten, die gegen alle Vernunft meinen, Opfer müssten bessere Menschen sein und Israel als Staat der Überlebenden des Holocaust sei nun sozusagen moralisch verpflichtet, anders (‚moralischer‘, ‚pazifistischer‘) zu agieren als jeder andere Staat.

    Herzliche Grüße
    Morgenländer

    PS: Der FAZ-Redakteur heißt Nils Minkmar.

    • Danke für den Hinweis für die Korrektur.

      „Dämonisierung“ ist vielleicht deftig; doch umso mehr ich mich mit seinem Schrifttum beschäftige, umso mehr scheint mir, daß er dieser Vorschub leistet.

      Für die Ausrichtung der eigenen Blog-Community hat der Herausgeber wohl schon ein Auswahlverschulden – und wer die aktuellen Beiträge der Autoren zur Verteidigung Augsteins durchliest, dem steigen die Grausbirnen auf.

      Zur Israelkritik: Enttäuschte Liebe halte ich auch für ein Element, während die „Entlastung“ wohl kaum eine Rolle spielt. Andere sind wohl die Verknüpfung mit dem traditionellen Antiamerikanismus; die Enttäuschung darüber, daß Israel nicht zu einem linksdemokratischen Modellstaat wurde, wie es in den Fünfziger Jahren noch vorstellbar war; bei manchen auch eine Fortsetzung traditioneller antisemitischer Klischees der Linken.

    • Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Erstens ist das Simon-Wiesenthal-Center, das die Liste publiziert hat, in Los Angeles beheimatet, und damit ebenfalls amerikanisch. „Amerikaner sind einfach viel besser“ – also wohl nicht. Die von ihnen angesprochene Liste von Masada2000 und die SWC-Liste haben prinzipiell gar nichts gemeinsam. Die eine fokussiert sich auf Juden, deren Meinung die Listenersteller offenbar deutlich ablehnen. Die andere hingegen will daraufhin weisen, wenn die Juden pauschal diffamiert werden, wenn es gefährliche Entwicklungen gibt. Mag sein, daß sie es im Gegensatz zum SWC gut heißen, wenn britische Fußballfans vom Vergasen jüdischer Mitbürger phantasieren, oder extremistische Parlamentarier jüdischen Mitbürgern vorwerfen, illoyal zu sein und daher kein Anrecht auf politische Positionen zu haben. Anders ergibt es wohl keinen Sinn, warum sie eine kahanistische Liste mit der Arbeit des Simon-Wiesenthal-Centers vergleichen wollen.

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