Und als man ihn suchte, ließ er sich finden.


Am 6. Jänner, dem Hoch-Neujahr, begeht die Kirche seit der Antike das Fest der Epiphanie, der Erscheinung des Herrn. Bis ins 20. Jahrhundert gedachte man neben der Verehrung Jesu durch die drei Weisen (Mager) aus dem Morgenland auch der Taufe des Herrn an diesem Tage, wie es die Orthodoxie in Wahrung der Tradition bis heute tut, und der Hochzeit von Kana. Denn bei der Taufe des Herrn offenbart sich sogar die Dreifaltigkeit, und bei der Hochzeit von Kana wirkt Jesus das erste Mal in der Öffentlichkeit ein Wunder, wodurch ebenfalls seine Göttlichkeit durchscheint.

Papst Leo der Große interpretiert in seiner folgenden Predigt zu Epiphanie die Reise der drei Weisen aus dem Morgenland als Erlösungszeichen der ganzen Welt. Die Predigt in voller Länge:

1. Predigt auf Epiphanie.

Übersetzt von Dr. Theodor Steeger.
Aus der Bibliothek der Kirchenväter.

Geliebteste! Nachdem wir unlängst den Tag gefeiert haben, an welchem die unbefleckte Jungfrau den Erlöser des Menschengeschlechtes gebar, bietet uns das verehrungswürdige Fest der Erscheinung des Herrn aufs neue Grund zur Freude, damit nicht inmitten der sich nahestehenden Geheimnisse verwandter Feiertage die Glut unserer Begeisterung erlösche und unser Eifer im Glauben erkalte. Deutet es doch auf die Erlösung aller hin, wenn die ganze Welt schon damals von der Kindheit des „Mittlers zwischen Gott und den Menschen“ (1 Tim 2,5) Kunde erhielt, als dieser noch in einem ganz kleinen Städtchen verborgen war.

Hatte er auch das israelitische Volk und aus diesem wiederum eine einzige Familie erkoren, um daraus die allen Menschen eigene Natur anzunehmen, so wollte er doch nicht, daß die Erstlingszeit seines Lebens in der engen Behausung seiner Mutter verborgen bleibe. Nein, sein Wille war es, daß der gar bald von allen erkannt werde, der sich herabließ, für alle zu sterben.

Es erschien darum den drei Weisen im Morgenlande ein Stern von ungewöhnlichem Glanze (Mt 2,1ff.), der, heller und schöner als die übrigen Gestirne, die Augen und die Gedanken jener, die ihn erblickten, ohne weiteres auf sich lenken mußte. So erkannte man alsbald, daß jene außerordentliche Erscheinung nicht ohne Grund sein könne. Der also das Zeichen gab, verlieh auch jenen, die es sahen, die Fähigkeit, es zu deuten. Und was er erkennen ließ, das ließ er auch suchen. Und als man ihn suchte, ließ er sich finden.

Die drei Männer folgen also der Führung jenes am Himmel erschienenen Lichtes. Unverwandten Auges begleiten sie das glänzende Gestirn, das ihnen auf dem Wege vorangeht, und gelangen so durch den Strahl der Gnade zur Erkenntnis der Ewigen Wahrheit. Aber nach ihrer menschlichen Anschauung meinten sie, der König, dessen Geburt ihnen durch dieses Zeichen kundgeworden war, sei in der Königsstadt zu suchen. Und doch wählte jener, der Knechtsgestalt angenommen hatte, der gekommen war, um sich richten zu lassen, nicht nur zu richten (Joh 12,47) , für seine Geburt Bethlehem aus und Jerusalem für sein Leiden.

Als aber Herodes vernahm, daß der Fürst der Juden geboren sei, geriet er in furchtbare Bestürzung, da er in ihm einen Nachfolger vermutete. Er sann darauf, den Erlöser zu morden, und gelobte doch heuchlerisch fromme Verehrung. Wie glücklich wäre er, wenn er sich den Glauben der Magier zum Vorbild nähme, wenn er sich für den Dienst Gottes zunutze machte, was er zur Täuschung gebot (Mt 2,8). Wie blind ist doch die Gottlosigkeit törichter Eifersucht! Du wähnst, durch deine Grausamkeit den Ratschluß des Himmels durchkreuzen zu können. Der Herr der Welt, der uns ein ewiges Reich beschert, sucht kein irdisches (Joh 18,36). Wie kannst du es wagen, die unabänderliche Ordnung der festgesetzten Begebenheiten umzustoßen und selbst die Freveltat zu begehen, die anderen vorbehalten war? Der Tod Christi fällt nicht in deine Zeit. Zuerst muß noch das Evangelium gepredigt, zuerst noch das Reich Gottes verkündet werden. Zuvor müssen Kranke ihre Gesundheit wiedererlangen, zuvor noch Wundertaten vollbracht sein. Warum willst du, daß dir zur Last fällt, was andere vollenden sollen? Warum stürzest du dich durch dein Wollen allein schon in verbrecherische Schuld, obwohl du doch mit verruchten Plan nichts ausrichten wirst? Dein Anschlag nützt dir nichts und bringt dir keinen Erfolg. Er, der geboren wurde, wie er wollte, wird auch durch die Macht seines eigenen Willens sterben.

Die Magier erreichen also ihr heißersehntes Ziel. Unter der Führung des alten Sternes finden sie das Kind (Mt 2,9ff.), unseren Herrn Jesus Christus. Im Fleische beten sie das Wort an, im Kinde die Weisheit, in der Schwäche die Kraft und in der wahrhaft menschlichen Natur den Herrn der Herrlichkeit. Um aber ihrem wunderbaren Glauben, ihrer wunderbaren Erkenntnis auch offen Ausdruck zu verleihen, bezeugen sie durch Geschenke, was sie im Herzen für wahr halten. Weihrauch bringen sie Gott, Myrrhe dem Menschen und Gold dem Könige als Opfergabe dar (Mt 2,11), indem sie voll tiefer Einsicht eine göttliche und eine menschliche Natur in ein und derselben Person verehren. War doch durch diese Einheit das jeder Wesenheit Eigentümliche hinsichtlich königlicher Würde nicht verschieden.

Nachdem aber die Magier ihre Heimat wieder erreicht hatten und Jesus zufolge göttlicher Weisung nach Ägypten gebracht worden war (Mt 2,13f.), kommt die wahnsinnige Wut des Herodes in vergeblich ersonnenen Maßregeln zum Ausbruch. Er erteilt den Befehl, alle kleinen Kinder Bethlehems zu töten. Da er aber nicht weiß, welches er zu fürchten hat, so dehnte er seinen Urteilsspruch auf das ganze ihm verdächtige Alter aus (Mt 2,16). Allein diejenigen, die der gottlose König von der Welt vertilgt, führt Christus in das Himmelreich ein. Diesen, für die er noch nicht das Blut der Erlösung vergoß, verlieh er bereits die Würde der Märtyrer.

Erhebet also, Geliebteste, euere gläubigen Herzen zu der Gnadensonne des ewigen Lichtes! Voll Ehrfurcht für die dem Heile der Menschen geltenden Geheimnisse richtet euere Aufmerksamkeit auf das, was für euch geschah! Liebet die Reinheit eines keuschen Lebens, weil Christus der Sohn der Jungfräulichkeit ist! „Enthaltet euch der fleischlichen Lüste, die wider die Seele streiten!“ ( Petr 2,11) , so mahnt uns, wie wir lesen, der hier ruhende selige Apostel [Petrus]  mit seinen eigenen Worten. „Seid Kinder in der Bosheit!“ (1 Kor 14,20). Hat doch der Herr der Herrlichkeit die Gestalt eines Kindes angenommen. Strebet nach Demut! Ließ sich doch der Sohn Gottes herbei, seinen Jüngern diese Tugend zu lehren (Mt 11,29). Umgürtet euch mit der Kraft der Geduld, durch die ihr euere Seelen gewinnen könnt! (Lk 21,19). Ist doch jener, der uns allen die Erlösung gebracht hat, auch die Stärke aller. „Was droben ist, habet im Sinne, nicht was auf Erden!“ (Kol 3,2). Schreitet beharrlich auf dem Wege der Wahrheit und des Lebens dahin! Laßt euch nicht verstricken in das, was irdisch ist! Ist ja der Himmel euer Erbteil durch unseren Herrn Jesus Christus, der mit dem Vater und den Heiligen Geiste lebt und waltet in Ewigkeit. Amen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s