Startseite » Medien » Augstein, die kräftiger Austeiler und die sensiblen Einstecker

Augstein, die kräftiger Austeiler und die sensiblen Einstecker


Zum Fall Augstein hält Susanne Baumstark ein „Plädoyer für die eigene Meinung“, die durchaus einmal meinungsfrei sein dürfe. Dabei kritisiert sie die umfassende Augstein-Verteidigung scharf, weil sie ihrer Ansicht nach mittlerweile auf eine soziale Bestrafung der innerdeutschen Kritiker Augsteins hinauslaufe.

Es ist da natürlich passend, daß dieser Artikel auf der Internetseite von „Eigentümlich frei“ erschienen ist, einem radikalliberalen Blatt, mit dessen politischer Ausrichtung ich wenig anfangen kann. Allerdings wird es seit einiger Zeit gezielt als „neurechts“ denunziert – denunziert, weil der Begriff „Neue Rechte“ in Deutschland heutzutage nicht für neue konservative Strömungen verwendet wird, wie er ja ursprünglich gemeint war, sondern etwa für das NPD-Umfeld und „völkischen Nationalismus“. Nun sind schon radikalliberal und konservativ Gegensätze. Das NPD-Umfeld mit seiner kollektivistischen Ausrichtung paßt aber gar nicht ins ideologische Schema von „eigentümlich frei“.

Trotzdem wird auf der Wikipedia die Zeitung seit Monaten so definiert:

eigentümlich frei (kurz: ef) ist eine seit 1998 erscheinende politische Monatsschrift. Ihre Positionen bezeichnet Herausgeber und Chefredakteur André F. Lichtschlag als individualistisch, kapitalistisch und libertär. Politikwissenschaftler sehen in der Zeitschrift weltanschauliche und personelle Überschneidungen mit der Neuen Rechten.

Die Belege dafür sind z.T. sehr zweifelhafter Provenienz oder in großherziger Interpretation offenkundigen Leseschwächen geschuldet. Enzyklopädische Neutralität schaut jedenfalls anders aus. Michael Klonovsky, Leiter des „Focus“-Debattenressorts, schrieb darüber im November, worauf sein eigener Wikipedia-Eintrag ihn bald darauf als „Kettenhund der Neuen Rechten“ auswies. Mittlerweile ist zumindest dieser Satz wieder entfernt.

Noch gröber sind die Keile, die jetzt auf Henryk Broder kommen. Ja, grober Klotz, grober Keil, und Broder ist ja tatsächlich ein Polemiker. Trotzdem: In mehreren Artikeln wurde er jetzt gezielt der Verwendung von „NS-Diktion“ beschuldigt, ihm die gewollte „Vernichtung“ Augsteins unterstellt. Ein Kommentator auf diesem Blog hat argumentiert, wenn Augsteins Äußerungen antisemitisch genannt werden, dann hätte das Wort keinen Wert mehr, würde seinen Schrecken verlieren. Deswegen sei mit diesem Etikett Vorsicht geboten. Das Argument gilt mit dem freien Verteilen des Epithets „NS-Diktion“ jedenfalls.

Die einen werden also als Förderer von „NS-Diktion“ dargestellt, verlieren Aufträge, werden von medial wirkmächtigen Personen ins Winkerl der „Neuen Rechten“ gestellt, und die Zahl ihrer Verteidiger in der veröffentlichten Meinung ist schon aus Eigenschutz dünn gesät. Umgekehrt kritisiert etwa Hardy Prothmann den Tagesspiegel, der in einem längeren Artikel auch ein Zitat Henryk Broders montiert und gleichzeitig einem Augstein-Sympathisant einen ganzen Artikel gewährt, dafür, Broder überhaupt zitiert zu haben. Und ja, angesichts eines bestimmten Berliner Urteils ist die Aufregung über Broders Zitat höchst gekünstelt.

Die im Austeilen starken Augsteins und Konsorten werden beim Einstecken plötzlich sehr sensibel und möchten widerstreitende Meinungen aus dem Diskurs anscheinend am liebsten tatsächlich verbannen. Das ist angesichts der eigenen Aufgeregtheit über Augsteins Erwähnung in der Auflistung auffälliger antisemitischer und/oder antiisraelischer Diffamierungen bemerkenswert.

Advertisements

2 Kommentare zu “Augstein, die kräftiger Austeiler und die sensiblen Einstecker

  1. Lieber Hollerbusch,

    eine Nachfrage zu Ihrer Bemerkung „Nun sind schon radikalliberal und konservativ Gegensätze“: Kann man das so grundsätzlich sagen?

    Gewiss, wenn man Hayeks Konservatismus-Begriff in „Why I am Not a Conservative“ zu Grunde legt, mag dies stimmen; aber dieser spart zum Zweck der Abgrenzung doch einiges aus, worin Konservatismus und (Radikal-)Liberalismus übereinkommen.

    Libertäre wie Ron Paul oder – hier in Deutschland – André F. Lichtschlag sind doch in ihren Wertorientierungen und beispielsweise auch in Fragen der Familien- und Gesellschaftspolitik sehr konservative Leute; und umgekehrt war ein Konservativer wie der Republikaner Robert A. Taft in vielen Politikfeldern (Rechtspolitik, Ordnungspolitik) sehr liberal.

    Viele Grüße
    Morgenländer

    • Ich denke, daß Hayek in seiner Analyse insoweit zu folgen ist, als der Gegensatz zwischen Radikalliberalen und Konservativen durch die gemeinsame Gegnerschaft zum Sozialismus, verstanden in seiner allgemeinen Bedeutung, heutzutage überdeckt wird. Ähnlich, wie es in den USA viele „Libertäre“ zu den Republikanern zieht, weil der Ansatz der dominierenden Fraktionen der Demokraten noch antiliberaler scheint als die Agenda der Mehrheit der Republikaner. Man darf aber nicht vergessen, daß sich jahrzehntelang der politische Kampf zwischen Liberalen und Konservativen abgespielt hat. Ich überzeichne jetzt, um zu konturieren: Doch sehe ich einen gravierenden Unterschied zwischen dem optimistischen Menschenbild der Liberalen, der eine blühende Zukunft selbstbestimmter Menschen sieht, und dem grüblerischen Konservativen, der um die dunkle Seite und Hybris des Menschen weiß und gerade deswegen bewährte Institutionen erhalten oder wieder einführen will. Er steht sowohl einem mächtigen Staat, geleitet von irrtumsanfälligen Menschen, als auch einer schrankenlosen Freiheit des einzelnen, irrtumsanfälligen Menschen skeptisch gegenüber. Der Liberale hat ein Bild einer perfekten Gesellschaft; der Konservative meint, daß es eine perfekte Gesellschaft nicht geben kann. Man trifft sich allerdings dort, wo beide gegen einen übermächtigen Staat stehen, gegen Versuche, bestehende Strukturen ideologisch gleichzuschalten oder auszuschalten, um freiheitsraubende Träume vom besseren Menschen umzusetzen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s