Bowles und Gintis: Warum helfen wir einander?


Samuel Bowles (*1939) und Herbert Gintis (*1940) und Samuel Bowles gehören zu den Pionieren, die Erkenntnisse aus Biologie und Psychologie in die Wirtschaftswissenschaften einbringen. Dabei fokussieren sie auf die Fragen der Netzwerkeffekte, der Kooperation und Exklusion. Nun haben sie mehrere ihrer Artikel zu einem Buch umgearbeitet: „A Cooperative Species — Human Reciprocity and its Evolution“.

Für gewöhnlich wird in der Ökonomie behelfsweise kooperatives Verhalten als Erfüllung der Nutzenmaximierung beschrieben. Das ist aber wenig erhellend, weil der Nutzenbegriff sehr flexibel ist. Wenn wir z.B. jemandem Unbekannten aufhelfen, der vor uns hinfällt, so kann man über wiederholte Spiele eine Aktion aus Eigennutz behaupten. Doch wäre damit wenig gewonnen. In der Biologie wurden anthropomorphe Konstrukte wie „egoistische Gene“ bemüht, um die Selektion kooperativen Verhaltens zu erklären. Eine andere Theorie lautet etwa, daß Gene, die altruistisches Verhalten fördern, durch wechselseitiges altruistisches Handeln in einer eng verwandten Gruppe gefördert würden.

Bowles and Gintis lehnen das aber schon aus Gründen der Wahrscheinlichkeitsrechnung ab. Es hätte sich zudem gezeigt, daß Menschen ein echtes Mitgefühl für andere, Sorge um das Wohlergehen anderer hätten, und ethisches Verhalten um seiner selbst willen schätzen — womit sich auch eine Brücke zu Akerlof und Krantons „Economics of Identity“ schlagen ließe. So haben spieltheoretische Experimente oft gezeigt, daß Menschen gerade bei einmaligen Spielen keine „rationale“ Strategie wählen, sondern sich von ihren Grundsätzen der Gerechtigkeit leiten lassen.

Die Autoren sehen Konflikte, insbesondere Kriegshandlungen zwischen Kleinstgruppen als Haupttriebfeder einer gemeinsamen Evolution kultureller Institutionen und individuellen kooperativen Verhaltens. Dabei sollen sich ihrer These nach Scham und Schuldgefühle und die Internalisierung sozialer Normen entwickelt haben. Dadurch sinke die Kosten der Regeleinhaltung, und die Gegenseitigkeit der Kooperation sei besser abgesichert. Deswegen sei auch eine koordinierte Bestrafung notwendig, die wiederum durch die Internalisierung sozialer Normen erleichtert würde. So könne die Gruppe gegen Außenstehende leichter bestehen. Diese Evolution bedeutet auch, daß die Normen einer Gruppe nicht insgesamt als verhandelt bezeichnet werden können, sondern Ergebnis einer langen Entwicklung sind.

Im Buch werden diese Thesen an Hand verschiedener Modelle durchexerziert, mit Beispielen illustriert. Nach fast 300 Seiten ist man jedenfalls am Stand der Forschung. Man muß beim Lesen den politischen (linken) Hintergrund der Autoren aber ein wenig im Hinterkopf behalten. Und die Beweislage ist manchmal doch etwas dünn, wie die Autoren selbst konzedieren.

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