Algerien: Kann man mit Fanatikern verhandeln?


Die Geiselnahme in Algerien hat wieder einmal die Verwundbarkeit der Zivilisation gegenüber Terroristen aufgezeigt, aber auch, wie sehr wir in der modernen Medienwelt zu schnellen Schlüssen ohne Information neigen.

Zuerst wurde bei uns ja nur über die nicht-algerischen Geiseln berichtet, die von den Islamisten genannten Opferzahlen übernommen, unterschwellig der algerischen Armee die Schuld an Todesopfern untergeschoben. Nun erfährt man, daß in der Gasförderanlage in In Amenas rund 700 Menschen gearbeitet haben, davon der Großteil Algerier. Von diesen konnte die überwältigende Mehrheit befreit werden, ebenso ein großer Teil der ausländischen Geiseln.

Die Überlegungen der algerischen Regierung sind jedenfalls nach deren langjährigen Erfahrungen mit Islamisten nachvollziehbar: Wenn sie mit den Geiselnehmern verhandeln würden, so gäben sie ihnen die öffentliche Bühne, die diese wünschen. Damit würde es sich auch in Zukunft für Islamisten lohnen, ähnliche Aktionen durchzuführen, für die es im riesigen, rohstoffreichen und menschenarmen Wüstenteil Algeriens genügend Ziele geben dürfte. Darüberhinaus haben die Islamisten nicht den Ruf, sich an Vereinbarungen zu halten, und gehen mit Geiseln äußerst brutal um. Das liegt daran, daß ihre Verhandlungspartner in ihren Augen ohnehin nur „ungläubige Hunde“ sind (auch wenn es sich dabei um Moslems handelt!), und daher keine moralische Verpflichtung auf Pakttreue bestünde. Es hätte also wahrscheinlich auch keinen besonderen Sinn, mit ihnen zu verhandeln, weil das „Verhandlungsergebnis“ nichts wert wäre.

Symptomatisch dafür ist ja, daß die Forderungen der Geiselnehmer durch Algerien gar nicht erfüllt werden konnten: Nämlich ein Ende der Unterstützung Frankreichs für die Regierung in Mali gegen die islamistischen Rebellen. Tragfähigen Frieden mit den Islamisten der al-Kaida-nahen Gruppierungen gibt es nur bei deren Sieg oder deren Marginalisierung, da ihre pseudognostische Ideologie pragmatischen Überlegungen nicht zugänglich ist.

Nebenbei seltsam, wie viele Leserkommentare im Zusammenhang mit der Terroraktion in Algerien Frankreich dafür geißeln, daß es in Mali auf einen Hilferuf der Regierung hin gegen eine hauptsächlich ausländische Rebellentruppe vorgeht. Einen legitimeren Fall ausländischer Hilfe kann es nicht geben. Ebenso seltsam, warum viele westliche Länder in Syrien den Vormarsch islamistischer Gruppen mit Wohlwollen betrachten, die grausame Verbrechen an Christen, Alawiten, Kurden und moderaten Sunniten verüben und immer mehr die anderen Rebellengruppen an den Rand drängen.

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