Höhere Preise durch höhere Zinsen?


Wenn eine Zentralbank die Zinsen erhöht – bekämpft sie damit Inflation, oder heizt sie diese sogar noch an? Diese Frage klingt auf den ersten Blick merkwürdig, denn für gewöhnlich werden niedrige Zinsen mit lockerer, inflationstreibender Geldpolitik verbunden, und hohe Zinsen mit striker Geldpolitik und der Dämpfung von Inflationserwartungen.

Wenn in der Vergangenheit Inflationsgefahren drohten, reagierte die EZB auch regelmäßig mit Zinssteigerungen. Doch wie wirken Zinssteigerungen? Die Opportunitätskosten für das Halten von Geld steigen, daher auch die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Bei gleichbleibender Geldmenge und gleichbleibender Gütermenge führt das zu einer Steigerung der Preise. Nun will die Zentralbank ja die Geldmenge reduzieren, was ihr zumindest kurzfristig auch gelingen wird, so daß der Gesamteffekt unbestimmt bleibt. (Scott Sumner, den ich hier paraphrasiere, meint, daß in der Regel der deflationäre Effekt der Geldmengenreduktion überwiegen werde.)

Doch wie könnte es geschehen, daß steigende Zinsen keine Beruhigung der Inflation mit sich bringen? Ein ganz einfacher Fall wurde vor kurzem in Großbritannien diskutiert: Bei hoher variabel verzinster Verschuldung führt eine Zinserhöhung zu einer Steigerung der Kosten, die in höheren Preisen weitergegeben wird.

Ein anderer, wicksellianisch gedachter Fall: Die Geldzinsen sind so gewählt, daß sie am Geldmarkt höher sind als es den realwirtschaftlichen Gegebenheiten entspricht. Am Realmarkt muß sich erst ein neues Gleichgewicht zwischen Investitionsgelegenheiten und intertemporaler Konsumneigung einstellen. Wegen mangelnder Anlegemöglichkeiten steigt die Nachfrage nach Geld bei gleichbleibendem Zinssatz. Eine Erhöhung der Geldnachfrage bei gleichbleibendem Geldangebot würde in der Regel zu einem steigenden Zinssatz führen. Da man sich aber für ein Zinsziel entschieden hat, wird stattdessen die Geldmenge ausgeweitet, um den Zinssatz unverändert zu lassen. Voi là: Zinsen gestiegen, Geldmenge erhöht, Preisniveau folgt. Die zusätzliche Inflation führt bei unveränderten Nominalzinsen wiederum zu steigender Geldnachfrage, da sich eine Geldanlage weniger rechnet. Erhöht man die Zinsen nicht ausreichend, um die Geldnachfrage mit dem Geldangebot auf diese Weise in Einklang zu bringen, und beharrt auf einer Zinsziel-Politik, muß man neuerlich die Geldmenge ausweiten.

In der Regel geschieht das nicht, weil (a) bei höheren Zinsen die Realeffekte zu einer Senkung des verfügbaren Einkommens führen und zur Glättung des Konsums weniger gespart wird, daher auch der Bedarf nach Realkassenhaltung nicht steigen sollte, und (b) eine Zentralbank, die mit ihrer Zinspolitik die Inflation drosseln will, im Zweifel wohl lieber die Zinsen weiter erhöht als zur Aufrechterhaltung eines Zinszieles die Geldmenge auszuweiten.

Sind aber bereits anfangs hohe Inflationserwartungen im Spiel, kann eine unzureichende Erhöhung der Nominalzinsen ebenfalls inflationssteigernd statt -dämpfend wirken.

Wenn eine Zentralbank also die Inflation mittels Zinserhöhung bekämpfen will, muß sie kräftig und deutlich vorgehen, womit sie zwar die Wirtschaftsentwicklung dämpft, aber die Inflationserwartungen ausreichend senkt.

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