„Haltet ein festliches Mahl und trinkt süßen Wein!“


Diesen Sonntag wurde in der ersten Lesung ein Abschnitt aus dem Buch Nehemia gelesen, das die Neuorganisation des jüdischen Lebens im nachexilischen Israel und den Wiederaufbau Jerusalems als befestigter Stadt zum Inhalt hat. Der zitierte Abschnitt handelt davon, wie der Priester Esra das Gesetz des Mose, die Torah, dem Volk verkündet. Die in eckigen Klammern gesetzten Sätze waren nicht Teil der Lesung in der Messe.

[Das ganze Volk versammelte sich geschlossen auf dem Platz vor dem Wassertor und bat den Schriftgelehrten Esra, das Buch mit dem Gesetz des Mose zu holen, das der Herr den Israeliten vorgeschrieben hat. Am ersten Tag des siebten Monats brachte der Priester Esra das Gesetz vor die Versammlung; zu ihr gehörten die Männer und die Frauen und alle, die das Gesetz verstehen konnten. Vom frühen Morgen bis zum Mittag] las Esra auf dem Platz vor dem Wassertor den Männern und Frauen und denen, die es verstehen konnten, das Gesetz vor. Das ganze Volk lauschte auf das Buch des Gesetzes. Der Schriftgelehrte Esra stand auf einer Kanzel aus Holz, die man eigens dafür errichtet hatte. [Neben ihm standen rechts Mattitja, Schema, Anaja, Urija, Hilkija und Maaseja und links Pedaja, Mischaël, Malkija, Haschum, Haschbaddana, Secharja und Meschullam.] Esra öffnete das Buch vor aller Augen, denn er stand höher als das versammelte Volk. Als er das Buch aufschlug, erhoben sich alle. Dann pries Esra den Herrn, den großen Gott; darauf antworteten alle mit erhobenen Händen: Amen, amen! Sie verneigten sich, warfen sich vor dem Herrn nieder, mit dem Gesicht zur Erde. [Die Leviten Jeschua, Bani, Scherebja, Jamin, Akkub, Schabbetai, Hodija, Maaseja, Kelita, Asarja, Josabad, Hanan und Pelaja erklärten dem Volk das Gesetz; die Leute blieben auf ihrem Platz.]

Man las aus dem Buch, dem Gesetz Gottes, in Abschnitten vor und gab dazu Erklärungen, sodass die Leute das Vorgelesene verstehen konnten. Der Statthalter Nehemia, der Priester und Schriftgelehrte Esra und die Leviten, die das Volk unterwiesen, sagten dann zum ganzen Volk: Heute ist ein heiliger Tag zu Ehren des Herrn, eures Gottes. Seid nicht traurig und weint nicht! Alle Leute weinten nämlich, als sie die Worte des Gesetzes hörten.

Dann sagte Esra zu ihnen: Nun geht, haltet ein festliches Mahl und trinkt süßen Wein! Schickt auch denen etwas, die selbst nichts haben; denn heute ist ein heiliger Tag zur Ehre des Herrn. Macht euch keine Sorgen; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke. [Auch die Leviten beruhigten das ganze Volk und sagten: Seid still, denn dieser Tag ist heilig. Macht euch keine Sorgen! Da gingen alle Leute nach Hause, um zu essen und zu trinken und auch andern davon zu geben und um ein großes Freudenfest zu begehen; denn sie hatten die Worte verstanden, die man ihnen verkündet hatte.]

Zum ersten fällt auf: Die Menschen lassen sich vom Wort tief berühren. Aber schon damals – wie heute – braucht es eine gute, vom Glauben getragene Unterweisung, damit die Worte richtig verstanden werden. Das ist ja eigentlich nichts besonderes: Jeder Text ist interpretationsbedürftig. Die richtige Interpretation ist in der Regel nur durch Informationen möglich, die sich außerhalb des Textes befinden. Trotzdem gibt es diese Idee, daß man durch bloßes Bibelstudium den Glauben allein voll erfassen könnte. Nehemia hätte darüber wohl entweder geschmunzelt oder wäre in Zorn geraten.

Zum zweiten: Will man sich von Gott berühren lassen, sollte man sich dafür ordentlich Zeit nehmen. Den Glauben leben, ihn wachsen lassen, das geht nicht wie im Schnellimbiß. Vom frühen Morgen bis zu Mittag hören die Juden Esra zu. Es ist gut gebrauchte Zeit, wie wir lesen können.

Zum dritten: Wenn man die Worte versteht, so kann das zuerst vielleicht in große Angst und Trauer führen, wird aber schließlich in großer Freude gewandelt. So müssen die Leviten die Menschen erst trösten: Macht euch keine Sorgen; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke. Doch dann tragen die Zuhörer diese Freude nach Hause, in ihre Familien, in ihre Umgebung. Und diese Freude wird größer, wenn sie geteilt wird, damit alle das große Freudenfest zu Ehren Gottes begehen können.

Siehe auch diesen Artikel bei Oliver Achilles zur Übersetzung des Wortes „Torah“ im erwähnten Text.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s