Christine Nöstlinger: Zum Glück nicht „pädagogisch wertvoll“


Christine Nöstlinger trägt das Herz auf der Zunge. Das macht einen schlechten Politiker, aber das ist sie ja auch nicht; aber es macht ein interessantes Interview mit dem Berliner „Tagesspiegel“. Dort erzählt die Kinderbuchautorin über ihren Werdegang und ihr Verhältnis zur Familie, auch ihre Gegnerschaft zur wieder modernen Kinderbuchzensur.

Die Zensur lehnt sie mit den Worten ab:  „Ein Unfug! In Erwachsenenliteratur würde man nie so reinpfuschen. Das zeigt, dass Kinderliteratur für viele nicht mehr ist als eine Pädagogikpille, eingewickelt in Geschichterlpapier. […] Rassismus ist eine Gesinnung, die schafft man nicht ab, wenn man Worte abschafft.“

Damit formuliert sie auch indirekt, warum ihre Kinderbücher so erfrischend zu lesen sind, selbst für Menschen, die politisch ihr ganz entgegengesetzt zu verorten sind: Weil Christine Nöstlinger die Kinder als Leser ernstnimmt. Sie erzählt spannende, unterhaltsame und lebensnahe Geschichten, produziert nicht irgendwelche pädagogische Machwerke, bei denen die guten Absichten aus jedem Satz triefen.  Nicht umsonst ist in meinem Bekanntenkreis „pädagogisch wertvoll“ zum geflügelten Wort für langweilige, nicht lesbare Texte geworden. Natürlich merkt man Nöstlingers Weltsicht, wenn man genau hinliest, aber sie arbeitet nicht mit dem Holzhammer.

Das Interview ist auch bemerkenswert, weil es den Umgang mit Krankheit, Schmerz und Trauer durch eine überzeugt „Kirchenferne“ thematisiert. Oder besser: Den fehlenden Umgang. Wenn es keinen Trost gibt, bleiben Sprachlosigkeit und Einsamkeit zurück.

Schließlich klingt auch die Resignation der 76jährigen Autorin durch, daß die eigenen linksalternativen, emanzipatorischen Ideale nicht umsetzbar sind. Ich kann mit ihr da durchaus mitfühlen: Meine Ideale sind zum größeren Teil andere,  doch angesichts der Verfaßtheit der heutigen Gesellschaft packt mich ebenso manchmal die Resignation.

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