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Wohltemperierte Musik


Aus der Ferne mag es vielleicht seltsam scheinen, daß eine Sammlung kurzer Klavierstücke des hochfürstlich anhalt-köthenischen Kapellmeisters zu den großen Meisterwerken der Musikgeschichte gehören soll. Wer aber in die Welt des „Wohltemperiertern Klaviers“ von Johann Sebastian Bach, so der Name des Kapellmeisters, bewußt eintaucht, wird daran nicht lange zweifeln.

Die Sammlung, im Original „Das Wohltemperirte Clavier“, besteht aus „Præludia, und Fugen durch alle Tone und Semitonia, so wohl tertiam majorem oder Ut Re Mi anlangend, als auch tertiam minorem oder Re Mi Fa betreffend.“ Also vierundzwanzig Präludien, – Vorspielen – und Fugen, die Meisterform des Kontrapunkts, auf jeder Tonstufe der Oktav je ein Paar in Dur und in Moll aufgebaut. Damit spielt schon der Haupttitel, denn im Original hat dieser eben vierundzwanzig Buchstaben.

Das war eine technische Besonderheit, die erst durch die Erfindung neuer (annähernd) gleichschwebender Stimmungen möglich geworden war, bei denen zwar alle Terzen leicht unrein sind, aber dafür auch die entlegensten Tonarten spielbar sind. Bach war nicht der erste, der Stücke in allen dadurch möglichen Tonarten vorlegte, seine Sammlung fand aber schon zu Lebzeiten und darüber hinaus die größte Aufmerksamkeit.

Doch was den Zuhörer und Leser vielmehr als die Technik bezaubert, ist die Raffinesse, die Vielfalt kompositorischer Einfälle, die Bach in dieses Werk verpackt hat. Es fängt scheinbar harmlos mit dem bekannten C-Dur-Präludium an – mit seinem Einfall, quasi als Vorspiel des Buches einmal alle Tasten des Klaviers auszuprobieren, die Stimmung sorgfältig zu testen. Was für andere Schätze verbergen sich! Die prickelnde D-Dur-Fuge, das rasante, chromatische Spiel der e-moll-Fuge, den ruhigen Strom der cis-moll-Fuge — kurze Tanzsätze, ariose Passagen, wucherndes Rankenwerk, schlichte Majestät: Wer genauer hineinhört, wird merken, daß es hier ständig etwas zu entdecken gibt. Ein Mikrokosmos barocker Ausdruckskraft.

Da bekommt der Ausdruck „wohltemperiert“ eine zweite Bedeutung. Nicht bloß die Stimmung des Instruments ist gemeint, sondern die Stimmung der Stücke selbst, ihre Spannung und Balance – im gesamten betrachtet, von den fröhlichen zu den trauernden, den aufgeregten zu den trägen Stücken, ergibt sich das Bild einer wohltemperierten Sammlung von Musik.

Wer die Fugen des Wohltemperierten Klaviers selbst erforschen will, dem möchte ich die Seite des US-Musikwissenschafters Tim Smith empfehlen, der alle 24 Fugen des ersten Bandes und fast alle des späteren zweiten Bandes eingehend mit Musik, mitlaufenden Noten und einer Analyse der Struktur näherbringt. Sehr anschaulich, zu Recht schon als vorbildliches Online-Lernprojekt ausgezeichnet. Hier die Multimedia-Version, wenn einen plötzliche Musik aus dem Computer nicht schreckt.

Die Noten des „Wohltemperierten Klaviers“ sind dank des „Internationales Notenbibliothek-Projekts“ dort in der alten Ausgabe von Breitkopf & Härtel zu finden. Dank des Projekts „Bach Digital“ ist eine Handschrift Bachs mit den Werken des wohltemperierten Klaviers ebenfalls online.

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