Ethikunterricht: Die verhängnisvolle Anmaßung


Wie sich Debatten wandeln können: Ursprünglich war der Ethikunterricht eine jahrelange Forderung christlicher Politiker. Sie wollten, daß Kinder, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen, zumindest eine Art Basiswissen über ethische Konzepte und Weltreligionen bekommen. Gleichzeitig sollte dadurch der Religionsunterricht attraktiver werden, daß er nicht mehr mit einer „Freistunde“ konkurrieren müsste.

Jetzt haben andere, hauptsächlich in der SPÖ beheimatete Personen entdeckt, daß man den Spieß ja umdrehen kann und den mittelfristigen Ersatz des Religionsunterrichts durch einen für allen verpflichtenden Ethikunterricht fordern kann. Dieser soll aber anscheinend kein vergleichendes Basiswissen vermitteln, sondern eine Art Religionsunterricht einer Zivilreligion werden. Bestes Beispiel ist ein Kommentar von Ulrich Brunner in der „Presse“ unter dem Titel „Die große Anmaßung der Religionen“. Ulrich Brunner war früher Redakteur in der mittlerweile verblichenen SPÖ-Parteizeitung „Arbeiter-Zeitung“ und brachte es im ORF bis zum Landesintendanten des Burgenlandes, der traditionell SPÖ-nahe besetzt wird.

Das wird schon aus seinen eröffnenden Absätzen klar. Darin behauptet er, daß die Religionsgemeinschaften durch ihre Ablehnung eines verpflichtenden Ethikunterrichts für alle behaupten würden, „daß Menschen ohne Religion moralisch nicht gefestigt seien, den Keim des Bösen in sich tragen.“

Das ist natürlich ein Popanz. Niemand hat das behauptet. Ein Ethikunterricht soll ja niemanden „moralisch festigen“, genauso wenig, wie der Religionsunterricht jemanden gläubig macht. In beiden Fällen geht es vor allem Wissensvermittlung – wissen, wovon man redet, in welcher Tradition man steht. Es gibt auch keine einheitliche „säkulare Ethik“, die man vermitteln könnte, auch wenn Brunner durch Zitate verschiedener Denker so tun will, als ob es so wäre. Ein kapitaler Irrtum. Aber er zeigt klar, daß Brunner von einer Indoktrination der Schüler mit  einer im Lehrplan verankerten „Ethik“ ausgeht, die sich wohl mit seiner persönlichen Vorstellung davon deckt.

Jede Ethik braucht Begründungen, und keine Begründung ist zwingend. Kinder können in einem Ethikunterricht also höchstens über verschiedene Konzepte lernen, von Aristoteles über Kant bis zu Bentham und Rawls, von Nietzsche bis Camus, und natürlich Konzepte religiöser Ethik dazu. Sie können sie diskutieren und für sich bewerten, aber sie werden nachher höchstens reflektierter handeln. Oder eben auch nicht, wenn sie das Gefühl eines „anything goes“ bekommen.

Brunners Aufzählung – typisch für diese Argumentationsweise – vergangener Verbrechen, die er dem Christentum als Religion anrechnen will, soll dann beweisen, daß Religionsunterricht keine besseren Menschen erzeugt, und nebenbei, das Anhänger anderer Religionsformen, die er „säkular“ nennt, den bekannten Religionen ethisch überlegen sei. Das ist so hanebüchen, daß es schon wehtut, wobei eine besondere Perfidie in der Anrechnung der Verbrechen Hitlers und Stalins an das Christentum besteht, wo doch beide Christen wegen ihres Glaubens verfolgt haben. Für Österreich würden mir sofort Namen wie Carl Lampert einfallen, für Deutschland etwa Dietrich Bonhoeffer, um nur zwei aus einer Unzahl von Opfern zu nennen. Nein – jetzt ist also schon Hitlers Religionslehrer für den Holocaust verantwortlich, und nicht etwa der säkulare, rassistische Antisemitismus und Pangermanismus, der im Österreich und Deutschland des ausgehenden 19. Jahrhunderts salonfähig geworden ist.

Der Grund, warum Religionsgemeinschaften gegen einen für alle verpflichtenden Ethikunterricht sind, ist ganz einfach: Weil er ohne Ausweitung der Stundentafel nur auf Kosten anderer Fächer eingeführt werden kann; weil das wohl die Vorstufe zur Abschaffung des Rechts auf Religionsunterricht sein soll; weil es offensichtlich den Befürwortern nicht um eine Vermittlung ethischer und religiöser Dimensionen, sondern um die Schaffung von Konformität geht, bei die Religionen nur stören.

Der Religionsunterricht ist der letzte Bereich der Schule, in dem ein Unterrichtsminister nicht durch entsprechende Lehrplan- und Lehrmaterialiengestaltung Konformität mit seiner Ideologie fördern kann. Daß das gerade SPÖ-nahen Kreisen ein Dorn im Auge ist, ist ja verständlich. Aber kurzsichtig: Das Unterrichtsressort wird wohl auch nicht immer rot bleiben.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Ethikunterricht: Die verhängnisvolle Anmaßung

  1. Pingback: Ethik-Unterricht « Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s