Wie die Spanier die Neue Welt eroberten …


Die Debatte über die Eroberung der Neuen Welt durch die Spanier im 16. Jahrhundert wird oft von heutigen politischen Bedürfnissen geformt. Der Historiker Matthew Restall bemüht sich, in seinem (etwas reißerisch getitelten) Buch „Seven Myths of the Spanish Conquest“, die Conquista aus Blick aller beteiligten Parteien zu beleuchten, die höchst unterschiedlich ausfallen.

Als sachkundiger Spezialist für die Kolonialgeschichte Lateinamerikas und Mitherausgeber indigener Texte des kolonialen Mittelamerika weist er darauf hin, daß bei der Eroberung des Azteken- wie des Inkareiches einheimische Kämpfer auf beiden Seiten des Konflikts beteiligt waren. Es sollte in der Tat Jahrhunderte dauern, bis die Spanier tatsächlich alle Gebiete zentral verwalteten und die Autonomie aller einheimischen Gruppen beseitigt hatten; z.T. geschah dies sogar erst durch die neuen, unabhängigen Staaten Lateinamerikas Anfang des 19. Jahrhunderts.

Er räumt auch mit der Behauptung auf, die eingeschleppten Krankheiten der Europäer seien der unmittelbare Anlaß für die erfolgreiche Kolonialisierung gewesen. Dafür hat es einfach zu lange gedauert, bis diese Epidemien tatsächlich wüten konnten, wenn auch ihre verheerende Wirkung ebenso unbestritten ist wie sie den Eroberern nicht angelastet werden kann.

Der eigentliche Grund wird einem Kenner der Geschichte Hernán Cortés oder Francisco Pizarros nicht verwundern: Die erfolgreichen Conquistadoren konnten trotz des Auftreffens auf eine völlig neue Welt rasch die Bruchlinien ausmachen und gewannen einheimische Verbündete, die sie zumindest mit Ortskenntnissen versorgten, bei der Eroberung des Aztekenreiches aber auch mit zahlreichen Kämpfern. Im Falle der Azteken war es die grausame Praxis der Blumenkriege und das Auspressen ihrer Vasallen, die ein Bündnis mit den Spaniern zur verlockenden Alternative machte. Das Inkareich war durch erst kurz zurückliegende Eroberungen gewachsen, und durch einen Thronfolgestreit erschüttert, der viele an der Legitimät Atahualpas zweifeln ließ.

Nicht überall war die Zusammenarbeit mit Einheimischen notwendig, wie in der Karibik, deren Einwohner technologisch deutlich unterlegen waren und auch zahlenmäßig keine Bedrohung waren. Trotzdem ist die Fähigkeit, rasch die lokale politische und soziale Situation zu erfassen, der Unterschied zwischen erfolgreichen und erfolglosen Conquistadoren, von denen es zahlreiche gegeben hat.

Umgekehrt war kurzfristig die Entscheidung für ein Bündnis mit den Spaniern nicht unbedingt die falsche Entscheidung, da im 16. Jahrhundert viele dieser Verbündeten tatsächlich noch Kapital aus ihrer Situation schlagen konnten, als die noch geringe Zahl an Europäern ja auf die Kooperation auch angewiesen war. Und, seien wir ehrlich: Unsere heutige Politik agiert oft noch viel kurzfristiger. Können wir einem Tlaxcalteken 1519 vorhalten, eine Entscheidung zu treffen, die man ein paar Generationen später vielleicht bereuen würde?

Mehr dazu hier bei livinganthropologically.com, mit Dank für den Hinweis wie so oft an Marginal Revolution.

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