„Der Strick ist zerrissen und wir sind befreit!“


Am ersten Fastensonntag wurde der Abschnitt aus dem Lukasevangelium gelesen, in dem vom Fasten und der Versuchung Jesu in der Wüste die Rede ist. Das ist eine auf den ersten Blick hin schwierig zu verstehende Stelle. Jesus ist ja nicht nur der Sohn Gottes, sondern Gott selbst, und doch versucht der Teufel, ihn in Versuchung zu führen. Andererseits ist er aber eben ganz Mensch, und als Mensch versuchbar.

Der hl. Ambrosius († 397) sieht in seinem Lukaskommentar diesen Text vor allem als Ermutigung und Zeichen für die nachfolgenden Christen, die eben doch nur Mensch sind:

Mit Recht nun gab unser Herr Jesus durch sein Fasten und seinen Wüstenaufenthalt eine Unterweisung wider die Lockungen der Genußsucht und ließ unser aller Herr sich vom Teufel versuchen, damit wir alle in ihm siegen lernten. Achten wir denn auf die drei Mittel, die der Herr nicht umsonst nach dem Berichte des Evangeliums in erster Linie anordnete. Drei Mittel sind es nämlich, die der Förderung des menschlichen Heiles dienen: Sakrament [Taufe], Einsamkeit, Fasten. Denn „niemand wird ja gekrönt, der nicht ordnungsgemäß kämpft“ (2 Tim 2,5), niemand aber zum Tugendkampfe zugelassen, wenn er nicht zuvor von allen Sündenmakeln abgewaschen mit der himmlischen Gnadengabe hierzu eingeweiht wird.

Es kam nun der Herr zur Taufe (Lk 3,21), damit wir uns mit Aug’ und Ohr von der Gnade des Sakramentes überzeugten. Und weil das Gesetz vor Himmel und Erde als Zeugen verkündet wurde (vgl. Dt 30,11ff.), ruft der Herr, damit du es glaubst, daß das Geheimnis der Gottheit, das von Ewigkeit in Gott verborgen war (Kol 1,26), etwas Höheres ist als das Gesetz, nicht bloß den Himmel zur Zeugenschaft auf, sondern bediente sich einer förmlichen Zeugenaussage, indem Gottes Stimme vom Himmel erscholl. Damit du zugleich das Sakrament des Glaubens nicht mit innerlichem Zweifel entweihtest, sollte das Unsichtbare in sichtbaren Wirkungen vor dir zutage treten (vgl. Hebr 11,3). […]

Wie nun werden wir diesen Fallstricken entgehen, um auch sprechen zu können: „Unsere Seele ist entronnen wie ein Sperling aus der Jäger Strick, der Strick ist zerrissen und wir sind befreit“ (Ps 123,7 (H: 124,7)) ? Es heißt nicht: Ich habe den Strick zerrissen; nicht so wagte David zu sprechen, sondern: „Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn“ (Ps 123,8). Damit wollte er zeigen, von welcher Seite der Strick gelöst wurde; wollte voraussagen, daß einer in dieses Leben treten werde, der den Strick, den der Teufel gelegt hat, zerreißen wird (vgl. 1 Joh 3,8). […]

Seinen [Christi] Schritten also laßt uns folgen, um aus der Wüste ins Paradies zurückgelangen zu können! […] Nach der Lehre der Göttlichen Schrift hast du also nicht [allein] wider Fleisch und Blut, sondern [auch] wider die geistigen Anfechtungen (vgl. Eph 6,12) den Kampf zu führen. Du siehst, was es Großes um den Christen ist, der mit den „Weltbeherrschern“ ringt und, wiewohl auf Erden weilend, „wider die Geister der Bosheit, die im [Luft-]Himmel sind“, mit des Geistes Kraft den Entscheidungskampf führt. Wir kämpfen ja nicht um Irdisches den Erdenkampf, sondern uns winkt ein geistiger Siegeslohn: der Preis ist das Reich Gottes und Christi Erbe. Die Überwindung der geistigen Hindernisse ist darum das Erst Notwendige. Die Siegeskrone winkt, sie erfordert Kampf. Ohne Sieg keine Krone, ohne Kampf kein Sieg (vgl. 2 Tim 2,5) […] So sollen wir denn die Versuchungen der Welt nicht als Übel fürchten, nachdem sie der Weg zu den seligen Belohnungen sind, sondern anbetrachts der menschlichen Natur nur beten, wir möchten solche Versuchungen zu bestehen haben, die wir auch bestehen können.

Christus, so Ambrosius, stellt sich der Versuchung, stellt sich der Gefahr des Bösen, um unsere Verstrickungen ins Böse zu zerreißen; die Geschichte der Versuchung Jesu ist für ihn ein Vorleuchten der österlichen Leidens- und Heilsereignisse.

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