Otfried Preußler


Otfried Preußler war einer jener Autoren, die gezeigt haben, warum die immer noch populäre Einschätzung, Kinderbücher seien Literatur zweiter Klasse, Unsinn ist. Gute Kinderbücher sind schwierig zu schreiben, ziehen dafür selten bloß die eigentliche Zielgruppe in ihren Bann. Viele seiner Werke sind mit Recht bald Klassiker geworden — und ein überaus lesenswerter, schöner Nachruf Tilman Spreckelsens in der FAZ bringt es auf den Punkt:

Preußler hat oft beschrieben, wie seine frühen Texte in der Auseinandersetzung mit Schülern entstanden seien, aus genauer Kenntnis der jungen Zuhörerschaft, und aus dem Respekt vor deren Horizont. Das ist sicher richtig, aber es ist nur die halbe Wahrheit. Denn die veritablen Meisterwerke, die damals entstanden, verdanken sich nicht nur dem Sagenschatz von Preußlers böhmischer Heimat, sondern auch der vollkommenen Sicherheit, die Preußler in allen Fragen der sprachlichen Verarbeitung an den Tag legte. Es dürfte kaum einen zweiten deutschen Autor unserer Zeit geben, der derart funkelnde Satzperioden für ein junges Publikum geformt hat, der Mündlichkeit, wie sie im Unterricht gefordert ist, so ohne jede Einbuße in Schriftlichkeit überführt hat, und das ohne einen Schatten von Anbiedern. Wer Kinder ernst nimmt, so könnte man sich das übersetzen, wer dieses überwältigend begeisterungsbereite und unerbittlich kritische Publikum auf seine Seite ziehen will, der darf in seiner Diktion weder Moden folgen noch irgendein pädagogisches Programm über die Köpfe der Kinder hinweg verfolgen.

Es ist nebenbei ein Treppenwitz, daß ausgerechnet an Preußlers Werk, das von so viel Respekt vor Kindern und ihrer Auffassungsgabe geprägt ist, die mächtige political correctness vor kurzem ein Exempel statuierte. Die Zeiten des Selberdenkens scheinen wieder vorbei.

Preußler war die Arbeit als Kinderbuchautor keineswegs in die Wiege gelegt; Jahre im Krieg und Kriegsgefangenschaft, Verlust seiner böhmischen Heimat, Neuaufbau einer Existenz. Eine bittersüße Geschichte darin auch, wie er nach fünf Jahren Gefangenschaft seine Verlobte wie durch ein Wunder in Oberbayern wiederfand. Seine Lust am Geschichtenerzählen, am Zeichnen und Schreiben, blieb durch die Wirrnisse hindurch aber erhalten. So hatte er schon einige kleine Geschichten geschrieben, bevor er seinen Durchbruch dreiunddreißigjährig 1956 mit dem „kleinen Wassermann“ hatte; wenige Jahre später erschien mit dem „Räuber Hotzenplotz“ sein wohl bekanntestes Werk und 1971 mit „Krabat“ vielleicht sein persönlichstes. In den letzten Jahren war es altersbedingt etwas ruhiger um ihn geworden. Nun ist Preußler also neunundachtzigjährig in Prien am Chiemsee gestorben.

Danke an Otfried Preußler, daß er uns so viele Geschichten geschenkt hat. Sie werden hoffentlich noch viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene durch ihr Leben begleiten.

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