Arbeiten wie im Mittelalter


Die Tageszeitung „Die Presse“ hat seit 2010 eine interessante wirtschaftliche Kolumne mit Bildungsauftrag, den „Hobbyökonomen“. Dabei werden immer wieder aktuelle, aber auch Episoden aus der Wirtschaftsgeschichte behandelt, die oft relevanter für die Gegenwart sind, als man annehmen würde.

So auch diesmal, und zwar unter der durchaus provokanten Überschrift: „Im Mittelalter wurde weniger gearbeitet als heute“. Heutzutage wird ja im öffentlichen Diskurs unter „Arbeit“ immer nur „Erwerbsarbeit“ verstanden, während Tätigkeiten wie Kochen, Putzen, Bügeln oder Reparaturen nur dann als Arbeit anerkannt werden, wenn es jemand anderer gegen Bezahlung übernimmt. Vor diesem Hintergrund wird die „Arbeitszeit“ im Spätmittelalter von Historikern nicht allzu hoch angesetzt.

Der Arbeitstag war bis zur Industrialisierung weitgehend von den Jahreszeiten und vom natürlichen Licht bestimmt. Da viele Arbeiten körperlich sehr anstrengend waren, sowohl in der Landwirtschaft oder im Handwerk, waren häufige Pausen üblich und auch notwendig. Dazwischen wurden auch andere wichtige Arbeiten der privaten Sphäre erledigt. Auch der Jahreskreis war darauf ausgelegt, durch Zeiten des Feierns und häufige kirchliche Feiertage Erholungspausen zu ermöglichen. Das kirchliche Sonntagsgebot hat so auch eine soziale Dimension, die schon dem jüdischen Sabbatgebot ausdrücklich innewohnt.

Auch waren bis zur Industrialisierung die „Erwerbsarbeit“ und das Privatleben bei weitem nicht so getrennt wie heute. Vielfach kann man eine Familie damals als eine Art „Kleinbetrieb“ verstehen, die alle möglichen Aufgaben zur Erhaltung auf seine Mitglieder arbeitsteilig aufteilt, die aber örtlich so nahe beieinander tätig sind, daß eine gegenseitige Hilfestellung leicht möglich war.

Das ist keineswegs eine idyllische Zeit gewesen; es war anstrengend und aufreibend, den Lebenserhalt zu sichern. Aber nicht so anstrengend und aufreibend, wie es in den ersten Jahrzehnten der industriellen Revolution für viele Menschen werden sollte. Denn die familiäre Einheit wurde durch die Fabriksarbeit aufgesprengt – vor diesem Hintergrund ergibt auch Marxens Diktum von der Entfremdung einen wenn auch nicht intendierten Sinn –, die Arbeitszeiten auf bis zu 80 Stunden nahezu pausenloser Arbeit massiv ausgeweitet, ohne daß die nötige Zeit für andere Aufgaben zum Erhalt der Familie geschrumpft wäre.

Erst Jahrzehnte später sollte die gestiegene Produktivität auch in den ärmeren Schichten zu einem Wohlstandsgewinn führen, der sich in kürzeren Wochenarbeitszeiten bei ausreichendem Lohn einerseits, in erschwinglichen Hilfen zur Erleichterung der Arbeiten in der privaten Sphäre andererseits (wie die Erfindung des Suppenwürfels …) ausdrückten.

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