Wein-„Terroir“: Ein Marketingschmäh?


Für den Geschmack des Weins spielen neben der Rebsorte der Boden, die Höhe, Sonnenstunden, Niederschlagsmenge und vieles mehr eine Rolle. So ist es nur natürlich, daß Weine aus bestimmten Lagen, in denen sich diese Eigenschaften hervorragend kombinieren, traditionell einen besonders guten Preis erzielen können.

In Frankreich hat man mit dem „Terroir“-Marketing da eine Vorreiterrolle eingenommen und einige Top-Lagen als Inbegriff guten Weins etablieren können. Daher hält dieses Wort auch Einzug im Marketing anderer Ländern; hier wird es bspw. vom österreichischen Weinmarketing beschrieben.

Vier Ökonomen – zwei in den USA, einer in Brüssel, einer in Frankreich – wollten die Aussagekraft des „Terroir“-Begriffs wissenschaftlich testen. Zwei von ihnen, Orley Ashenfelter und Karl Storchmann, haben mit dem Journalisten George Taber renommierte Wein-Connaisseure zu einer Blindverkostung eingeladen: Acht allgemein für gut befundene französische Weine und zwölf Weine aus New Jersey [!], je die Hälfte Rot und Weiß. Tatsächlich gewannen zwei französische Weine – Clos des Mouches 2010 bei den Weißweinen, Château Mouton-Rothschild 2004 bei den Rotweinen –, doch nur der Clos des Mouches wurde auch statistisch signifikant für besser befunden, während die anderen Weißweine im Prinzip innerhalb der Schwankungsbreite beisammenlagen. Bei den Rotweinen war ein Vertreter aus New Jersey signifikant schlechter, doch die andere Weine wurden allesamt ähnlich gut beurteilt, Terroir hin oder her.

Die beiden europäischen Partner, Oliver Gergaud und Victor Ginsburgh, haben schon vor Jahren in einem Paper festgestellt, daß die Qualitätsurteile der Weinexperten und Konsumenten weniger durch die Einzellage als durch die verwendeten Techniken und Prozesse des Weinbaus und der Vinifizierung erklärt werden können. Andererseits ist bekannt, daß Menschen bereit sind, für einen bestimmten Terroir mehr zu zahlen.

Die Lösung scheint sich so anzubieten: Die Landschaft und das Klima beeinflussen natürlich den Geschmack; doch die Unterschiede zwischen zwei Einzellagen ähnlicher Art, die beide von einem guten, versierten Winzer gepflegt worden sind, sind für den menschlichen Geschmackssinn nicht mehr feststellbar. Das macht aber nichts, denn zum „Gesamterlebnis Wein“ gehört für viele eben auch die Flasche, das Etikett, der Preis, etc. Es ist bekannt, daß Weine den Menschen tendenziell besser schmecken, wenn sie erfahren haben, daß es sich um einen hochpreisigen Tropfen handelt. Insofern gehört ein wenig „Terroir“-Selbstbetrug zur Weinerfahrung heutzutage einfach dazu.

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