Der verlorene Sohn und die Gerechtigkeit


Der vierte Fastensonntag ist der Sonntag „Laetare“, an dem liturgisch die österliche Freude in die Dunkelheit des Fastens vorleuchtet. Weswegen ich auch immer ein wenig säuerlich reagiere, wenn man bei der Messe das Rosa des Laetare-Sonntags einspart und doch nur Paramente im normalen Fasten-Violett verwendet.

Im Introitus heißt es:

Laetare Ierusalem: et conventum facite omnes qui diligitis eam: gaudete cum laetitia, qui in tristitia fuistis: ut exsultetis, et satiemini ab uberibus consolationis vestrae.

Freut euch mit Jerusalem! Jubelt in der Stadt, alle, die ihr sie liebt. Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr über sie traurig wart. Saugt euch satt an ihrer tröstenden Brust, trinkt und labt euch an ihrem mütterlichen Reichtum! – Einheitsübersetzung

Freuen sollen wir uns, und auf den ersten Blick gibt das Tagesevangelium mit dem Gleichnis vom verlorenen Sohn auch jeden Anlaß dafür. Trotz seiner Treulosigkeit nimmt der Vater den „verlorenen Sohn“ wieder auf, als dieser reumütig – oder zumindest vordergründig zerknirscht – zurückkehrt. Man denkt unwillkürlich an Ostern, wenn es im Exsultet heißt: „O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden.“ Für den Sohn wendet sich sein Abfall vom Vater, der in zuerst ins Verderben führt, ins Gute, da der Vater ihn nicht bloß als Tagelöhner wiederaufnimmt, sondern in festlichem Gewand. Da fragt man sich mit dem älteren Sohn zurecht: Ist das fair?

Ob die Rede des Vaters – „Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein.“ – auf den älteren Sohn gewirkt hat, wissen wir nicht. Aber die erste Empörung des Sohnes ist zu verstehen. Gerechtigkeit wird mitunter so definiert, wie es schon Cicero getan hat: Jeder erhält das, was ihm zusteht. Aber steht dem verlorenen Sohn so ein Fest zu? Er ist zwar reuig, aber deckt das alle seine vorherigen Taten zu? Ist das gerecht in Relation zum treuen Bruder, der seinem Vater immer eine Hilfe war? Ist es also besser, ein Sünder zu sein, um dann große Freude über seine Erlösung zu erfahren?

Genau darauf gibt der Vater mit seinem oben zitierten Satz eine Antwort: Wir haben immer die Freude gehabt, beieinander zu sein. Das ist keine Selbstverständlichkeit, und selbst das Fest für den verlorenen Sohn kann doch die Zeit nicht aufwiegen, die der Vater und der treue Bruder miteinander verbringen durften, in der der andere Sohn „tot“ war und sich kurzfristigen Vergnügungen hingegeben hat, die ihn ruiniert zurückließen und die Liebe des Vaters nicht ersetzen konnten. Aber es gibt noch eine andere Antwort, die Gregor der Große (zitiert nach Catena Aurea) gegeben hat:

Daraus können wir ersehen, daß die wahre Gerechtigkeit Mitleid, die falsche jedoch Abweisung an den Tag legt – wenngleich auch die Gerechten sich mit Recht über die Sünder empören. Aber es ist ein Unterschied, ob etwas aus Stolz oder aus Eifer für rechtes Verhalten geschieht: Denn wenn auch die Gerechten nach außen hin durch Zurechtweisung heftig tadeln, so bewahren sie doch Sanftmut durch die Liebe: Sie stellen die, die sie zurechtweisen, in ihrem Herzen höher als sich selbst. So schützen sie durch die Zurechtweisung die Untergebenen, und durch die Demut sich selbst. Die hingegen, die wegen ihrer falschen Gerechtigkeit überheblich werden, verachten alle anderen und lassen sich zu keiner Erbarmung gegen die Schwachen herab. Und sie werden umso schlimmere Sünder, je weniger sie sich dafür halten.

An dieser angewandten, liebenden Gerechtigkeit läßt es der treue Bruder mangeln – so daß wir ehrlicherweise zugeben müssen, gleichzeitg im treuen wie im verlorenen Sohn ein Spiegelbild unseres Handelns wiederzufinden: Verschwenderisch mit unserem Erbteil, aber oft ohne Mitleid und voll Selbstgerechtigkeit gegenüber denen, die um Erbarmen bitten.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s