13. März 1938


Der 75. Jahrestag des sogenannten „Anschluß“, der Besetzung Österreichs durch das Deutsche Reich, wurde wieder von zahlreichen Reden begleitet, in denen unter dem Vorwand der Geschichtsbetrachtung die Gegenwart abgehandelt wurde. Unter diesem Aspekt ist wohl auch die sogenannte Opfer-/Täterfrage zu sehen, zu der ich zum Schluß noch etwas schreiben werde.

Doch auf einem ökonomisch angehauchten Blog beschäftigt mich zum Anschluß eher die Frage, in welcher wirtschaftlichen Situation sich Österreich und Deutschland damals befanden. Und die war höchst unterschiedlich: Österreich war in der Zwischenkriegszeit zweimal quasi bankrott gegangen, das erste Mal durch die Folgen des Ersten Weltkriegs, das zweite Mal im Gefolge der Weltwirtschaftskrise durch den Zusammenbruch der Creditanstalt, die vom Staat aufgefangen werden mußte. Allerdings war der Staat am Zusammenbruch nicht unbeteiligt, hatte er der Creditanstalt ja zuvor die marode Bodencreditanstalt aufgezwungen. Beidemale konnten die Staatsfinanzen nur durch eine Völkerbundanleihe gerettet werden, die mit drakonischen Sparmaßnahmen und Auflagen verbunden und innenpolitisch jedesmal heftig umstritten war.

Die zweite Anleihe war mit dem Lausanner Abkommen 1932 bereits von der neuen Regierung Engelbert Dollfuß’ ausverhandelt worden, wäre aber im Nationalrat am Widerstand der Sozialdemokraten und Großdeutschen fast gescheitert, die einen Staatsbankrott aus parteitaktischen Gründen anscheinend vorzogen. Das Abkommen zog eine Beaufsichtigung der österreichischen Fiskalpolitik durch einen ausländischen Kommissar nach sich, die bis 1936 andauerte. Trotz der Weltwirtschaftskrise mit wachsender Arbeitslosigkeit hielt Österreich daher an einer Hartwährungspolitik und einer rigiden Austeritätspolitik fest – mußte an ihr festhalten, um die Bedingungen der Völkerbundanleihe zu erfüllen und nicht wieder in die Gefahr eines Staatsbankrotts zu geraten. Man versuchte zwar, Mittel für Investitionsprogramme aufzustellen, konnte dies aber nur in engen Grenzen tun. Trotzdem konnten Projekte wie die Großglockner-Hochalpenstraße und die Höhenstraße in Wien unternommen werden.

Seitdem im Deutschen Reich aber die Nationalsozialisten an der Macht waren, kamen als zusätzlicher Faktor wirtschaftliche Sanktionen des NS-Regimes wie die sogenannte „Tausend-Mark-Sperre“ hinzu, die Österreich wirtschaftlich weiter unter Druck setzten. 1933 waren in Österreich etwa 557.000 Personen im Jahresdurchschnitt arbeitslos, eine Arbeitslosenrate von 26%; 1929 waren es noch 8,8% gewesen. 1937 waren es immer noch 464.000 (21,7%). Etwa 230.000 davon erhielten keine Arbeitslosenunterstützung – die sogenannten „Ausgesteuerten“. Die langsame Erholung erfuhr 1936 durch den Zusammenbruch der Phönix-Versicherungsgesellschaft einen neuen Dämpfer. Wieder mußte eine Auffanggesellschaft gegründet werden.

Die Hartwährungspolitik führte allerdings zu einer emotionalen Erfolgsgeschichte: Der Schilling wurde zum geliebten Alpendollar. Die Österreichische Nationalbank hatte 1938 als Folge ihrer strikten Geldpolitik auch höhere Gold- und Devisenreserven als die Deutsche Reichsbank, weswegen der Anschluß für die deutsche Regierung wirtschaftlich durchaus lohnend war.

Die NS-Wirtschaftspolitik war gänzlich anders. Durch massive Beschäftigungs- und Rüstungsprogramme auf Pump, die ein Grund für die geringen Reserven der Deutschen Reichsbank waren, konnte die Arbeitslosigkeit von 5,56 Millionen 1932 auf 0,9 Millionen 1937 gesenkt werden. Die Wirtschaft wurde dabei in weitaus stärkerem Ausmaß als in Österreich staatlich gelenkt. Durch umfangreiche Enteignungen politischer Gegner, „Arisierung“ und Devisenbewirtschaftung konnte die Expansion finanziert werden. Viele der zusätzlichen Ausgaben waren allerdings keine Investitionen, die den langfristigen Wohlstand mehren sollten, sondern flossen in die Rüstungsindustrie oder Propagandaprojekte. Resultat: 1939 war das Deutsche Reich de facto hoch verschuldet und seine Devisenbestände erschöpft.

Die österreichische Wirtschaftspolitik war zwar nachhaltiger, die deutsche aber lockte mir ihren kurzfristigen Erfolgen, deren hoher – auch menschlicher – Preis geschickt verschleiert wurde. Man kann getrost annehmen: Hätte Österreich 1938 noch die Verfassung von 1920/1929 gehabt, so hätte sich Hitler den Einmarsch sparen können, da eine bei Parlamentswahlen erfolgreiche NSDAP den Anschluß aus freien Stücken vollzogen hätte. Die Innsbrucker Gemeinderatswahlen 1933, bei denen die NSDAP 41,1% der gültigen Stimmen (36,1% der Wahlberechtigten) errang und sich damit verdreizehnfachte, sprechen eine deutliche Sprache. –

Die oben erwähnte Opfer-/Täterfrage, in Österreich heutzutage plakativ als „Opfermythos“ diskutiert, ist für sich betrachtet ja nur sinnvoll ist, wenn man einmal vom Konstrukt der Kollektivschuld ausgeht. Daher ist für mich diese Diskussion im Umkehrschluß sinnlos. Österreich wurde auf rechtswidrigem Weg und unter der Anwendung von Gewalt dem Deutschen Reich einverleibt, daran besteht kein Zweifel, und so sind auch die Worte der Moskauer Deklaration zu verstehen. Daß viele Menschen, die 1938 österreichische Staatsbürger waren, sich sowohl unter den Opfern befunden haben, als auch Helfer des Regimes und Täter aktiv waren, ist wohl mittlerweile ebenso klar. Freilich war nach dem Krieg die Herstellung gesellschaftlichen Friedens vorrangig, und so hat man in Österreich den zweifelsfreien Opferstatus des Staates auf die Bevölkerung als solche ausgedehnt. Damit war man freilich nicht allein. Die Franzosen haben sich bspw. erst mit großer Verspätung damit auseinandergesetzt, daß die deutsche Besatzung nur dank vieler französischer Mithelfer funktionieren konnte, Mithelfer, unter denen sich etwa Frankreichs späterer Staatspräsident François Mitterand befinden sollte. Leider hat man sich vielerorts weniger mit der Aufarbeitung der Geschichte als mit dem Kampf um die Deutungshoheit beschäftigt, wovon meines Erachtens die Arbeit vieler zeitgenössischer österreichischer Historiker ein beredtes Zeugnis ablegt.

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2 Gedanken zu “13. März 1938

  1. Unsere Glaubensdifferenzen beiseite; das ist ein exzellenter recherchierter und analysierter Artikel.
    Gruesse

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