„Ändere dich wenigstens morgen!“


Die Evangelienstelle von der Begegnung Jesu mit der Ehebrecherin, die er vor der Steinigung bewahrt, ist eine der bekannteren Perikopen, deren berühmter Satz „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.“ geradezu sprichwörtlich geworden ist. Sie begegnet uns diesmal am fünften Fastensonntag in der Kirche.

Interessanterweise ist umstritten, ob die Passage zum Bestand des ursprünglichen Manuskripts des Johannes-Evangeliums gehört habe. Der theologischen Bedeutung des Textes tut das aber so oder so keinen Abbruch, und die Kirche hat den Text schon in der Antike als inspiriert erkannt.

Der Schlußsatz Jesu an die Ehebrecherin wird heute oft falsch verstanden. Er sagt zu ihr: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ Die Verurteilung, von der hier die Rede ist, ist ein Todesurteil. Die Frau sollte ja gesteinigt werden, und Jesus sagt ihr zu: Auch ich werde dich jetzt nicht steinigen. Man muß sich vorstellen, welche Todesängste diese Frau vorher durchgestanden hat – und nun darf sie aufatmen, ist aus der Todesgefahr unerwartet errettet.

Doch er gibt ihr dafür einen Auftrag: Geh, und sündige von jetzt an nicht mehr. Das ist im Kern ein Beichtgeschehen, in dem Gott einen neuen Anfang gewährt. Der hl. Augustinus geht darauf in seinem „Tractatus in Iohannies Evangelium“ in kräftiger Sprache ein:

Also, die am Herrn die Sanftmut lieben, sollen acht geben und die Wahrheit fürchten. „Mild ist der Herr und gerecht“. Du liebst ihn, weil er milde ist; fürchte ihn, weil er gerecht ist. Als mild hat er gesagt: „Ich habe geschwiegen“, aber als gerecht: „Werde ich etwa immer schweigen?“. „Barmherzig und gnädig ist der Herr.“ Ja, fürwahr. Füge noch hinzu: „langmütig“; füge noch weiter hinzu: „und sehr barmherzig“, aber fürchte, was zuletzt kommt: „und wahrhaft ist er“. Denn die er jetzt erträgt als Sünder, wird er dereinst richten als Verächter. „Oder verachtest du den Reichtum seiner Langmut und Milde, ohne zu bedenken, daß die Nachsicht Gottes dich zur Buße ruft? Du aber häufst dir gemäß deiner Herzenshärte und deines unbußfertigen Herzens den Zorn auf für den Tag des Zornes imd der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, der jedem vergelten wird nach seinen Werken“. Sanftmütig ist der Herr, langmütig ist der Herr, barmherzig ist der Herr, aber auch gerecht ist der Herr, und wahrhaftig ist der Herr. Er gibt dir Zeit zur Besserung, aber du liebst mehr den Aufschub als die Besserung. Bist du gestern schlecht gewesen? Sei heute gut. Und hast du den heutigen Tag schlecht zugebracht? Ändere dich wenigstens morgen. Immerwährend wartest du und versprichst dir von der Barmherzigkeit Gottes sehr viel, als ob der, welcher dir durch Buße Verzeihung verhieß, dir auch ein längeres Leben verheißen hätte. Woher weißt du, was der morgige Tag bringt? Mit Recht sagst du in deinem Herzen: Wenn ich mich bessere, wird Gott mir alle Sünden vergeben. Wir können nicht bestreiten, daß Gott den Gebesserten und Bekehrten Verzeihung verhieß. Aber bei dem Propheten, bei dem du mir liest, daß Gott dem Gebesserten Verzeihung verhieß, liest du mir nicht, daß dir Gott ein langes Leben verhieß.

In der Epistel heißt es daher passend am fünften Fastensonntag: „Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung, die Gott uns in Christus Jesus schenkt.“ (Phil 3, 13b-14)

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