Zahlt sich eine Vollzeitstelle aus?


„Wozu mehr arbeiten?“, fragt Jeannine Hierländer in der „Presse“ nur halb rhetorisch. In Österreich ist die Steuerprogression besonders stark und früh ausgeprägt. Während niedrige Einkommen steuerfrei sind, erreicht man sehr früh eine Art Flat Tax aus Sozialversicherung und Lohnsteuer von etwa 44%. Betrachtet man die Einkommensteuer allein, so ist die Bemessungsgrundlage (aus der die Sozialversicherungsbeiträge bereits ausgeschieden worden sind) bis 11.000 Euro steuerfrei, dann beginnt bereits ein Grenzsteuersatz von 36,5% zu wirken. Bereits bei einem Jahreseinkommen ab 60.000 Euro hat man die höchte Besteuerungsstufe (50%) erreicht. Diese Graphik der Arbeiterkammer, die allerdings mit dem für ökonomische Entscheidungen weniger relevanten Gesamtanteil von Steuern und Sozialversicheurng am Einkommen operiert, unterstreicht das Problem.

Hierländer schreibt daher: „Wer von Voll- auf Teilzeit umsteigt, arbeitet in vielen Fällen um die Hälfte weniger und verliert dabei nur ein Drittel seines Nettoeinkommens.“

Ein Beispiel, gerechnet mit dem Brutto-Netto-Rechner des BMF: Ein alleinstehender Dienstnehmer ohne Pendlerpauschale erhält ein Bruttoeinkommen von 2.500 Euro monatlich. Das entspricht einem Brutto-Jahreseinkommen von 35.000 Euro, abzüglich von Sozialversicherung, Lohnsteuer etc. nur 23.972,62.  Den Dienstgeber hat er aber insgesamt sogar 45.916,00 Euro gekostet. Nun reduziert der Dienstnehmer seinen Vertrag auf 25 Stunden, also 1.562,50 monatlich. Das Brutto-Jahreseinkommen beträgt nun 21.875, netto bleiben 16.658,10. Der Dienstgeber muß insgesamt 28.697,54 aufwenden. Die Arbeitszeit wurde um 37,5% reduziert, das Nettoeinkommen sank aber nur um 30,5%. Die Gesamtabgabenbelastung des Mehrverdienstes betrug übrigens 44,27%. Ohne 13./14. wäre der Unterschied eklatanter, ebenso in Bereichen mit höheren Stundenlöhnen. Tatsächlich gibt es Branchen, in denen die Rechnung Hierländers die Realität approximiert. A propos: Der Grenzertrag der 40. Wochenstunde liegt für den beispielhaften Dienstnehmer bei 487,68 Euro netto, aber 875 Euro brutto im Jahr. In gewissen Bereichen (so z.B. beim Sprung von 1.490 Euro auf 1.500 Euro brutto/Monat) führt ein höheres Bruttoeinkommen sogar zu einem niedrigeren Nettoeinkommen.

Wer also sein Leben auch mit dem geringerem Einkommen aus Teilzeit bestreiten kann, was insbesondere für Menschen zutrifft, die nicht alleine wohnen (Ehepartner, bei den Eltern, auch Wohngemeinschaften etc.), könnte auf Grund des rapide abnehmenden Grenzertrags der Mehrarbeit leicht den Schluß ziehen, daß sich eine Vollarbeitsstelle nicht auszahlt. Umso mehr, wenn die so gewonnene Zeit für Tätigkeiten genutzt werden kann, denen man selbst eine hohe Priorität einräumt. Ökonomisch gesprochen: Aus deren Ausweitung man einen hohen persönlichen Grenznutzen zieht. Wer sich aus gesellschaftspolitischen Gründen über die hohe Teilzeitquote bei Frauen beschwert, würde hier einen Puzzlestein finden.

Nebenbei: Interessant, daß die Arbeiterkammer und Gewerkschaft den Anstieg an Teilzeit-Verträgen immer scharf kritisieren und als Armutsfalle geißeln, aber selbst immer wieder Vorstöße für eine Verkürzung der Arbeitszeit vornehmen. Allgemeine Teilzeit sozusagen. Siehe übrigens diesen „Presse“-Artikel von Wolfgang Scherf, warum eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung die Versprechen ihrer Proponenten rein technisch nicht einlösen kann.

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