Reinhart, Rogoff und HAP: Was bleibt übrig?


Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff können auf ein großes Oeuvre als Ökonomen auf dem Gebiet von Finanzkrisen, Politischer Ökonomie, Zahlungsbilanzprobleme und verwandter Themen. Gemeinsam haben sie für ihr Buch „This Times Is Different“ (deutsch: „Dieses Mal ist alles anders“) umfangreiche Daten über Finanzkrisen der letzten achthundert Jahre gesammelt und auch publiziert. Ihre Arbeit wurde geschätzt, ihr Buch war erfolgreich.

Doch dann haben sie aus selbst kompilierten Daten auch eine Studie über den Zusammenhang zwischen Staatsverschuldung und Wirtschaftswachstum publiziert. Erst nur ein paar Seiten, wie nebenher in den American Economic Review eingestreut, dann eine umfangreichere Publikation im gleichen Journal, 2012 schließlich eine ausführliche Darstellung gemeinsam mit Vincent Reinhart im Journal of Economic Perspectives.

Dabei stellen sie bekanntlich fest, daß ab einer Staatsverschuldung von über 90% des Bruttoinlandsprodukts die Wachstumsdynamik eines Landes abnimmt. Ebenso bekanntlich wurde dieses Ergebnis von Herndon, Ash und Pollin in einem Working Paper kritisiert. Unter der Überschrift, es sei ein bloßer Excel-Fehler gewesen, fand diese Kritik auch ihren Weg in die Massenmedien. Und wurde dabei ordentlich verzerrt, was wohl auch daran liegt, daß die Frage der Staatsverschuldung politisch hochbrisant ist.

So ändert der vielzitierte „Excel-Fehler“ am Gesamtergebnis nichts, am Zahlenergebnis nur wenig, und ist entsprechend ein untergeordneter Kritikpunkt von Herndon, Ash und Pollin. Entscheidend sind für sie drei andere Punkte: (1) Im ursprünglichen Paper (nicht aber in Folgepublikationen von Reinhart und Rogoff) seien Lücken im Datenbestand vorhanden, deren Auffüllung das Ergebnis geändert hätte. (2) Die Methode, mit der die einzelnen Länder gewichtet wurden, hätten sie nicht gewählt. (3) Das Paper sei zur Rechtfertigung von Austeritätspolitik herangezogen worden, Kritik daran müsse also zwangsläufig zu einer Neubewertung der Austerität führen.

Fehler können passieren. In Fachzeitschriften finden sich öfter Korrekturen – und leider noch mehr Artikel, bei denen auf eine Korrektur vergessen wird. Greg Mankiw schlägt in dieselbe Kerbe, wenn er darauf hinweist, daß Fehler zwar unangenehm sind, aber nicht unehrenhaft: Das Finden und Korrigieren von Fehlern gehört zur wissenschaftlichen Praxis. Entsprechend diesem Grundsatz haben ja auch Reinhart und Rogoff ihre Unterlagen Herndon, Ash und Pollin zur Verfügung gestellt.

Reinhart und Rogoff haben eine längere Antwort auf die Kritik verfaßt, in der sie darauf hinweisen, daß selbst die Berechnung von Herndon, Ash und Pollin (HAP) niedrigere Wachstumsraten bei hoher Staatsverschuldung aufweist. Wie ähnlich das Mittelwert-Ergebnis trotz unterschiedlicher Kalkulation ist, kann man hier bei Cyconomics graphisch gut erkennen. Leider haben zwar Reinhart und Rogoff, nicht aber Herndon, Ash und Pollin den Median ausgerechnet, der hier wohl aussagekräftiger als ein arithmetischer Mittelwert ist, der durch besondere Depressionen und Aufholphasen verzerrt werden könnte. So weist Österreich 1948/49 ein extrem hohes Realwachstum aus – was übrigens HAP für einen Datenfehler halten, Kenner der österreichischen Geschichte aber wohl eher als Ausdruck des Wiederaufbaus erkennen. Interessanterweise sind die Medianwerte von Reinhart und Rogoff und die Mittelwerte bei HAP jedenfalls sehr ähnlich. Die Grundaussage bleibt damit bestehen.

Die methodische Frage der Gewichtung ist die wissenschaftlich wichtigste, aber wohl auch diejenige, die kaum mediale Aufmerksamkeit bekommen würde. Reinhart und Rogoff gruppieren die Wachstumsdaten nach jeweiligem Grad der Staatsverschuldung, berechnen dann einen Durchschnitt für die Jahres eines Landes in einer Verschuldungskohorte, und dann einen neuen Durchschnitt über alle Länder. HAP plädieren dafür, jedes Land mit all seinen Jahren als getrennte Beobachtungen eingehen zu lassen. Gegen beide Methoden gibt es gewichtige Einwände, beide Methoden haben auch Vorzüge. Am Gesamtergebnis – niedrigeres Wachstum bei sehr hoher Staatsverschuldung – ändert das nichts.

Was bleibt in Wahrheit übrig? Das eine akademische Debatte sensationslüstern aufgebauscht wurde, und dabei die Reputation beteiligter Personen schwer beschädigt wurde, weil es politisch gepaßt hat.

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