Ein Platz für Moses Mendelssohn


Moses Mendelssohn (*1729 † 1786) war unter seinen Zeitgenossen ein geachteter Philosoph, Literaturkritiker, Übersetzer, Bildungsbürger. Er trat für eine „jüdische Aufklärung“ ein, eine Interpretation der Bewegung der Aufklärung aus jüdischer Sicht. Als ein Freund Lessings soll er auch ein Vorbild für „Nathan den Weisen“ gewesen sein.

Nun sollte der Platz vor dem Bildungszentrum des Jüdischen Museums in Berlin neu benannt werden, und da Mendelssohn einen beträchtlichen Teil seines Lebens in Berlin verbrachte und sich für eine bessere Bildung seiner jüdischen Mitbürger einsetzte, lag eine Benennung dieses Platzes nach dem Gelehrten recht nahe. Allein: Es ging nicht. Denn die grüne Mehrheit des zuständigen Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg sperrte sich dagegen, weil Mendelssohn keine Frau war. So zumindest die offizielle Argumentation, hinter der es sich trefflich verstecken läßt. Denn in den letzten Jahren wurde dieses Prinzip sehr wohl durchbrochen – so etwa für die Rudi-Dutschke-Straße oder die Silvio-Meier-Straße. Aber sie hießen wenigstens nicht Moses …

Nun könnte man gewitzt argumentieren, daß ja angesichts des rein konstruierten Geschlechterbegriffs in den modernen Gender-Studies niemand sagen könnte, wie sich Mendelssohn gefühlt hatte. Vielleicht ja auch ganz anders? Jenseits der bourgeoisen Geschlechterkategorien? Doch leider versteht da die Linke keinen Spaß, und aus dem „konstruierten Geschlecht“ werden ganz schnell wieder biologische Männlein und Weiblein, wenn es um die Quote geht.

Götz Aly, der im Stiftungsrat des Jüdischen Museums Berlin sitzt, kommentiert das in einer Kolumne treffend:

Mendelssohn belustigte sich 1769 über die lokale Geistesarmut und die „Sottisen“ des Berliner „Hofpöbels“. Friedrich II. verweigerte ihm die Aufnahme in die Akademie der Wissenschaften, die Nazis vernichteten eine Gedenktafel zu seinen Ehren, die Grünen sind dabei, die Benennung eines Platzes nach ihm zu verhindern. Offenbar war und ist Moses Mendelssohn für Berlin einfach zu schade.

Nun konnte ein „Kompromiß“ gefunden werden: Der Platz wird „Moses-und-Fromet-Mendelssohn-Platz“ heißen. Offenbar war das grüne Spießertum schließlich auch höherorts Verantwortlichen zuviel, so daß sie einen gesichtswahrenden Ausweg für ihre Bezirkspolitiker suchten, in dem die wenig bekannte Frau Mendelssohns mitgenannt wird. Das ist zwar ein wenig inkonsequent — Götz Aly hat in einem anderen Text geunkt, ob der Berliner Flughafen einmal auch „Ruth-und-Brigitte-Seebacher-und Willy-Brandt-Flughafen-Berlin-Brandenburg“ genannt würde — aber zumindest kann man es in romantischer Weise argumentieren.

Im Spiegel ist der Fall Anlaß für ein paar Betrachtungen zur Regelungswut in Deutschland von Sebastian Hammelehle. Im Grundsatz hat er recht, nur hängt er es am falschen Thema auf. Mein Verdacht ist doch eher, das spießig-bornierte Lokalgrüne ihre Macht auskosten wollten, um einen ideologisch nicht genehmen Namen zu verhindern; dafür sprechen auch Berichte über andere Straßenbenennungen.

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3 Gedanken zu “Ein Platz für Moses Mendelssohn

  1. Mit diesem namen wird doch nur die patriarchalische gepflogenheit gebilligt, dass der familienname der name des mannes wird. Richtig wäre gewesen „Fromet-Gugenheim-und-Moses-Mendelssohn-Platz“.

    • Nicht zu vergessen, daß der Name Guggenheim bereits vom Vater stammt. Eine eigene Historiker*innen-Kommission über einen nicht patriarchalisch geprägten Nachnamen für die Platzbenennung wäre das mindeste gewesen. Und jetzt sogar MendelsSOHN. Patriarchalischer und Gender-unsensibel geht es wohl nicht mehr …

  2. Analog zur russischen nachnamensbildung wäre Felix Mendelssohn so richtig wie Dorothea Mendelstochter.
    Leider sind die urfamiliennamen der frauen durch die patriarchalische geschichtsumdeutung verlorengegangen. Aber es gibt ja noch die mitochondriale dns. Das mitochondriale genom der frauen ersetzt also deren familiennamen. Das hat den vorteil, dass die strassenschilder wesentlich grösser werden müssen, was bestimmt irgendwie arbeitsplätze schafft.

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