Schulze-Delitzsch: Hilfe zur Selbsthilfe


Der Morgenländer, der glücklicherweise das Bloggen wieder aufgenommen hat, erinnert an den Todestag von Hermann Schulze-Delitzsch (*1808 † 1883), einen der Begründer des modernen Genossenschaftswesens. Die Volksbanken, in Österreich durch die ÖVAG-Krise momentan ins Strudeln geraten, sind ursprünglich ebenso von seiner Idee geprägt wie etwa die Frastanzer Brauerei-Genossenschaft oder die ADEG Einkaufsgenossenschaft der Kaufleute, um nur einige Beispiele zu nennen.

Kommunen-Romantik könnte bei manchen den Eindruck erwecken, Genossenschaften seien ein ursprünglich „linkes“ Anliegen. Doch das Gegenteil ist der Fall; denn sie gehen von einem anderen Menschenbild aus, wie sich etwa in den Grundsätzen des Österreichischen Genossenschaftsverbandes (Schulze-Delitsch) ausdrückt:

Die Genossenschaften und der ÖGV fordern den Staat auf, jene Rahmenbedingungen zu schaffen, die dem Einzelnen die Freiheit im Gebrauch seiner Kräfte sichern. […] Eines der wesentlichsten Prinzipien der Genossenschaften und des ÖGV ist die gemeinschaftliche Selbsthilfe. Der Genossenschafter […] fühlt sich für seine Existenz selbst verantwortlich. Die Genossenschaften und der ÖGV bekennen sich zum Grundsatz, daß Freiheit und Verantwortung untrennbar verbunden sind. Wer die Verantwortung von sich weist, weist auch die Freiheit von sich.

Schulze-Delitsch hat erkannt, daß sich der einzelne durch Zusammenschlüsse einige Vorteile des Großbetriebs sichern kann. Heute würde man sagen: Positive Skalenerträge erzielen kann. So können sich auch Kleingewerbetreibende, Freiberufler etc. behaupten, Arbeiter die Kaufkraft ihres Lohns etwa durch Konsumgenossenschaften erhöhen. Die damals befürchtete Konzentration des Wirtschaftslebens auf einige Großkapitalisten sei nicht zwangsläufig.

Durch die Vorschuss- und Kreditvereine schuf er die Grundlage dafür, daß auch Kleinbetriebe Investitionskredite zu vernünftigen Konditionen bekommen konnten. Er löste damit gleichzeitig ein Informations- und Skalenproblem, denn die kleine Volksbank-Genossenschaft vor Ort kannte die Risken ihrer Kreditnehmer sehr gut, da aber auch ihre Einleger vor Ort zu Hause waren und sogar Eigentümer der Bank, war sie doch nicht übermäßig risikobereit. Einkaufsgenossenschaften ermöglichten es auch kleinen Handwerkern, zu günstigen Konditionen Roh- und Betriebsstoffe einzukaufen. Produktionsgenossenschaften veredeln Produkte der Mitglieder und vermarkten sie gemeinsam. Schulze-Delitzsch befürwortete auch Produktivgenossenschaften, doch konnte sich dieses Modell nicht durchsetzen.

Daß der preußische Jurist Hermann Schulze-Delitzsch mit seinem Programm der „Hilfe durch Selbsthilfe“ Erfolg hatte, ist dabei vor allem seiner Hartnäckigkeit zu verdanken. Es galt, für die ersten Genossenschaften eine funktionierende Ordnung zu finden, in der Folge schließlich sichere rechtliche Grundlagen zu schaffen und dafür parlamentarische Mehrheiten zu finden. Das gelang ihm gegen den Widerstand verschiedenster Gruppierungen von links bis rechts. Das Genossenschaftsgesetz, das er für Deutschland erreichte, wurde übrigens kurz darauf (1873) bereits in Österreich eingeführt.

Hier bei Wikisource findet man eine Zusammenstellung von Internet-Quellen, bei denen man Schriften von Schulze-Delitzsch lesen kann. Er hat durchaus einiges verfaßt, und sich dabei auch immer wieder ausdrücklich an die Arbeiter gewandt, deren Fortbildung ihm ein großes Anliegen war. Er hoffte, seine Genossenschaftsidee könnte auch einen Schlüssel zur Lösung der sogenannten „sozialen Frage“ liefern. Und in gewisser Weise hat sie ihren Beitrag dazu geleistet.

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