Gruß dem Kränzchen


Der 1. Mai war ein wunderschöner Tag, und so bin ich in der richtigen Stimmung für ein Naturgedicht, das zwar nicht ganz zum Mai paßt, aber mir eben untergekommen ist:

Es hegt ein blühender Garten
Viel zarte Blümelein;
Der Herr tut ihrer warten
Mit Tau und Sonnenschein.

Und all‘ die blühenden Kronen
Umzieht ein grüner Hag,
Drin Nachtigallen wohnen
Mit süßem Sang und Schlag.

Auch sind sie treuen Händen
Zur Pflege anvertraut;
Mit schützenden Geländen
Sind milde sie umbaut.

Jüngst weht‘ aus weiter Ferne
Ein herbstlich Blatt der Wind
Recht zwischen die blühenden Sterne
Und dreht’s im Kreise lind.

Da singen die Nachtigallen
Und duften die Blümelein;
Wohl muß es dem Blatte gefallen:
Es sieht ja den Lenz sich erneun.

Aus Blumenkelchen leise
Ein Lied nun aufwärts schwebt,
Das ist – ach! dieselbe Weise,
Die es gerauscht, gebebt,

Als noch das Nest der Taube
Gedeckt sein junges Grün
Und lieblich durch die Laube
Ihm Maiensonne schien. –

Doch daß es weiter reise,
Trägt es ein Hauch hinweg,
Und Tränen perlen leise
Auf seinen einsamen Steg.

Und nimmer wird’s vergessen
Das Kränzlein, in das es einst fiel,
Bis dort an den Cypressen
Ihm winkt sein Reiseziel.

– Louise Hensel
(Quelle: Zeno.org)

Louise Hensel (*1798 † 1876) ist eine namentlich wenig bekannte Dichterin, obwohl ihr Nachtgebet „Müde bin ich, geh zu Ruh’“ auch heute noch weit verbreitet ist. Hensel war eine Wahrheitssucherin, und ließ sich dabei von den Konventionen ihrer Zeit nicht zurückhalten. Ebenso war sie eine begeisterte und begeisternde Dichterin, die im Laufe ihres Lebens viele kurze und längere Gedichte hauptsächlich religiösen Inhalts verfaßte. Clemens Brentano war ebenso in sie verliebt wie später Wilhelm Müller, sie selbst wiederum war dem preußischen Politikers Ernst Ludwig von Gerlach verbunden. Übrigens sorgte Brentanos Liebe zu ihr dafür, daß er sich intensiv mit dem Glauben beschäftigte, wie es sich dann in seinen späteren Werken niederschlug. Mit 20 Jahren trat sie zum katholischen Glauben über, war später mit der Mystikern Anna Katharina Emmerick befreundet – die 2004 selig gesprochen wurde – und arbeitete als Lehrerin und in karitativen Projekten, wie man heute wohl sagen würde.

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