Der ganze Bienenschwarm in Aufregung


Man spricht heute gerne von der Schwarmintelligenz, doch in Sachen Neonicotinoide würde ich von etwas anderem sprechen. Kaum jemand wußte über das Thema vor der Abstimmung im Ministerrat bescheid. Kaum jemand berichtete über die Vorschläge und Gegenvorschläge. Auch die erste Abstimmung am 18. März schlug keine Wellen. Jetzt, post facto, sind alle Experten, wissen, was den Bienen fehlt – und daß die Phalanx der Gegner eines Neonicotinoid-Verbots – Finnland, Großbritannien, Litauen, Slowakei, Spanien, Tschechien und Österreich – Schergen der chemischen Industrie sind. title=“Bonuspunkte für die Worte „Konzerne“, „Agrochemie“ und „Agrarindustrie“.“ target=“_blank“ Freilich bleiben Neonicotinoide weiter im Einsatz und in der Umwelt, denn erstens betrifft das Verbot nur bestimmte Mittel mit Neonicotinoiden, und zweitens werden die Nikotin-verwandten Stoffe auch in Produkten wie etwa Flohhalsbändern verwendet, die vom Verbot nicht betroffen sind.

Nun ist es natürlich zum ersten einmal kein Wunder, daß ein Insektizid genau das tut, was sein Name verspricht: Insekten töten. Insofern ist die publizierte Erregung etwa von Stefan Mandl hanebüchen. In der Landwirtschaft ist der vorbeugende Einsatz von Pestiziden heutzutage gang und gäbe. Das betrifft nicht nur die konventionelle, sondern auch die sogenannte biologische Landwirtschaft, die z.B. mit Kupfer gegen Pilzbefall spritzt oder verschiedene Gifte einsetzt.

Ob Neonicotinoide nun Bienen mehr schädigen als alternative Pestizide es tun würden, ist tatsächlich umstritten. Ob der Zusammenbruch der Bienenvölker darauf zurückzuführen ist, im Großen und Ganzen ebenfalls. Es gibt einige Fälle, bei denen ein überschießender Einsatz von Neonicotinoiden mit dem Sterben von Bienenvölkern in Verbindung gebracht wird. Eine Testreihe britischer Forscher mit Hummeln konnte allerdings die Hypothese nicht falsifizieren, daß die Nähe von mit Neonicotinoiden behandeltem Saatgut keine signifikanten Effekte auf die Gesundheit der Völker hätte. Anders gesagt: Sie fanden keinen Zusammenhang zwischen Hummelpopulation und Neonicotinoiden. Allerdings ist im Test wohl von einem sachgerechten Umgang mit Clothianidin und Imidacloprid, so die Namen der Insektizide, auszugehen.

Ebenso hat die US-Umweltbehörde in einer Studie über den Rückgang der Bienenvölker festgestellt, daß Pyrethroide die gefährlichsten Pestizide für Bienen sind; sie werden in Österreich anscheinend aber weitaus weniger eingesetzt als in den USA. Diese Studie hat aber sehr wohl Wechselwirkungen zwischen Neonikotinoiden und anderen Faktoren gefunden, die ingesamt abträglich für die Bienengesundheit sind. Die größte Gefahr bleibt aber die Varroa-Milbe, die von den Imkern wiederum mit Insektizid-Einsatz bekämpft wird, durch die Verbauung der Landschaft und das Fehlen der früheren Ackerraine werden die möglichen Futterplätze der Bienen immer weiter beschränkt. Darüber hinaus sind viele Mikroben, die Bienen befallen, mittlerweile gegen Antibiotika resistent. Es gibt zwar Bienenvölker, die durch Verhaltensanpassung gegen die Varroa-Milbe resistent sind, doch haben sie geringe Popularität – ich vermute einmal wegen geringeren Ertrags. Stattdessen werden ganz andere Merkmale gefördert, wie Eberhard Höfer im „Standard“ etwas überspitzt beschreibt, wie sogar ein schönes Muster der Bienenkönigin.

Die Entscheidung von EU-Kommissar Tonio Borg beruht übrigens offiziell auf dieser Studie der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit, die längst nicht so klar ist, wie man nach der Zeitungslektüre glauben müsste. Allerdings macht sie deutlich, daß bestimmte Formen des Säens gebeizten Saatsguts durch dabei eintretende Verwehung ein höheres Risiko entstehen lassen.

Besonders für den Raps- und Kukuruz-Anbau werden Folgen durch den Wegfall befürchtet. Ich teile die Befürchtung insofern nicht, als ja die Neonicotionoide in Neunziger Jahren eingeführt wurden, um für den Menschen gefährlichere Stoffe abzulösen. Ein Rückgriff auf gefährlichere Substanzen wird wohl der Ausweg sein, den die meisten wählen werden.

Das Kommunikationsmanagement des österreichischen Landwirtschaftsministern Niki Berlakovich war aber jedenfalls verbesserungswürdig, um es milde zu sagen. Warum erfahre ich nur über große Umwege, daß Österreich einen Kompromißvorschlag auf wissenschaftlicher Basis unterstützt hat? Oder daß es hier tatsächlich stark divergierende Ansichten in der Fachwelt gibt? Daß hier möglicherweise verschiedene Lobbyinginteressen zusammenprallen, denn es stehen wohl schon andere Unternehmen Gewehr bei Fuß, um Ersatz-Insektizide – und damit wieder Bienenkiller – als Ersatz bereit zu stellen? Berlakovich hätte sich wohl eine Scheibe von der deutschen Amtskollegin Ilse Aigner abschneiden können: Sie wollte Borgs Vorschlag durch Erweiterungen zu Fall bringen, als da aber nichts fruchtete und die Niederlage absehbar war, schlug sie sich in der endgültigen Abstimmung auf die Seite des Verbots.

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