Lumen-Fidei-Lesen — Teil 1


Eine wunderbare Verschränkung: Die erste Enzyklika, die von Papst Franziskus unterschrieben worden ist, stellt gleichzeitig den Schlußpunkt der Enzykliken-Trilogie dar, die Papst Benedikt XVI. mit „Spe salvi“ („auf Hoffnung hin gerettet“) und „Caritas in veritate“ („Liebe in Wahrheit“) begonnen hat. Denn „Glaube, Hoffnung und Liebe bilden in wunderbarer Verflechtung die Dynamik des christlichen Lebens auf die volle Gemeinschaft mit Gott hin“, wie es in der neuen Enzyklika heißt.

„Lumen Fidei“, das Licht des Glaubens ist der Titel, und doch führt der Text gleich in die Dunkelheit, in der sich viele Menschen begeben haben:

Mit dem Aufkommen der Neuzeit meinte man, ein solches Licht sei für die antiken Gesellschaften ausreichend gewesen, für die neuen Zeiten, den erwachsen gewordenen Menschen, der stolz ist auf seine Vernunft und die Zukunft auf neue Weise erforschen möchte, sei es jedoch nutzlos. In diesem Sinn erschien der Glaube als ein trügerisches Licht, das den Menschen hinderte, sich wagemutig auf die Ebene des Wissens zu begeben. Der junge Nietzsche forderte seine Schwester Elisabeth auf zu wagen, „in der Unsicherheit des selbständigen Gehens“ „neue Wege“ zu beschreiten. Und er fügte hinzu: „Hier scheiden sich nun die Wege der Menschheit; willst du Seelenruhe und Glück erstreben, nun so glaube, willst du ein Jünger der Wahrheit sein, so forsche“.

Doch dieses Programm ist gescheitert:

Nach und nach hat sich jedoch gezeigt, dass das Licht der eigenständigen Vernunft nicht imstande ist, genügend Klarheit über die Zukunft zu vermitteln; sie verbleibt schließlich in ihrem Dunkel und lässt den Menschen in der Angst vor dem Unbekannten zurück. Und so hat der Mensch auf die Suche nach einem großen Licht, nach einer großen Wahrheit verzichtet, um sich mit kleinen Lichtern zu begnügen, die den kurzen Augenblick erhellen, doch unfähig sind, den Weg zu eröffnen. Wenn das Licht fehlt, wird alles verworren, und es ist unmöglich, das Gute vom Bösen, den Weg, der zum Ziel führt von dem zu unterscheiden, der uns richtungslos immer wieder im Kreis gehen lässt.

Aber was ist eigentlich der Glaube, dessen Licht wieder verbreitet werden soll? Und in welchem Verhältnis steht er zur Vernunft, die seit der Zeit der sogenannten Aufklärung von manchen in schroffem Gegensatz zum Glauben gesehen wird? Die ersten beiden Kapitel beschäftigen sich mit dieser Frage von verschiedenen Seiten her.

Abrahams Hören und Vertrauen auf Gott wird als Urbild des Glaubens. die Geschichte des Auszugs des Volkes Israel aus Ägypten als Entfaltung dieses Glaubens dargestellt. Dabei wird darauf hingewiesen, daß im Hebräischen das gleiche Wort „für die Treue Gottes als auch für den Glauben des Menschen“ steht, ein Doppelsinn, der im Griechischen und Lateinischen trotz anderer Wortetymologie bewahrt wurde.

Die Geschichte des Alten Bundes weist eine Parallele zur Modernen auf, in dem immer wieder davon berichtet wird, wie Menschen ihre Orientierung auf Gott hin verloren haben und sich im „Labyrinth“ des Götzendienstes verirren, einens Götzendienstes, der immer Polytheismus ist, und immer Selbsterhöhung:

Anstelle des Glaubens an Gott zieht man vor, den Götzen anzubeten, dem man ins Gesicht blicken kann, dessen Herkunft bekannt ist, weil er von uns gemacht ist. … So begreifen wir, dass der Götze ein Vorwand ist, sich selbst ins Zentrum der Wirklichkeit zu setzen, in der Anbetung des Werkes der eigenen Hände. Wenn der Mensch die
Grundorientierung verloren hat, die seinem Leben Einheit verleiht, verliert er sich in der Vielfalt seiner Wünsche; indem er sich weigert, auf die Zeit der Verheißung zu warten, zerfällt er in die tausend Augenblicke seiner Geschichte.

Im Tod und der Auferstehung Jesu Christi zeigt sich nun die Verlässlichkeit der Liebe Gottes, einer Liebe, die einen transformativen Glauben fordert. Ein Schlüsselsatz findet sich in Abschnitt 18:

Glauben ist Christus nicht nur der, an den wir glauben, die größte Offenbarung der Liebe Gottes, sondern auch der, mit dem wir uns verbinden, um glauben zu können. Der Glaube blickt nicht nur auf Jesus, sondern er blickt vom Gesichtspunkt Jesu aus, sieht mit seinen Augen: Er ist eine Teilhabe an seiner Sichtweise.

Abschnitt 22 argumentiert dann, warum man sich das eben nicht „allein mit dem Herrgott ausmachen“ kann, sondern warum der Glauben eine „notwendig kirchliche Gestalt“ hat. Aus der Notwendigkeit des Verkündigens und Hörens, aus der Gemeinschaft im Leib und im Empfang des Leibes Christi, aus dem Dienst aneinander und füreinander.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit der Spannung von Glaube, Vernunft, Wahrheit – genug Stoff für einen späteren Blogeintrag.

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