Idealismus oder angewandte Gedankenlosigkeit


Hannah Arendts Satz von der Banalität des Bösen wird gerne zitiert, und gerne kritisiert, so zuletzt im März diesen Jahres von Doron Rabinovici in der „Presse“.

Roger Berkowitz argumentiert in der „New York Times“, daß Hannah Arendts These zwar viel kommentiert, aber kaum ausführlich gelesen worden ist:

Vielleicht wurde Arendt deswegen so gründlich mißverstanden, weil ihr Denken sowohl provokant als auch anspruchsoll ist. Ihr Segen und ihr Fluch war die Fähigkeit für zitierbare Aphorismen die, wie Nietzsches, ganze Bücher benötigen, um ihre unkonventionelle Bedeutung zu enthüllen. [Übersetzung d.A.]

Berkowitz versucht es trotzdem, in seinem kurzen Essay Arendts Gedanken zum Eichmann-Prozeß einerseits auszubreiten und andererseits zu verdichten. Arendt bezeichnet Eichmann ja als „Idealisten“, und dieses Wort hat für sie eine negative Konnotation: Jemand, der sein eigenes Gewissen opfert, wenn es der Idee widerspricht, der er sich verschrieben hat. Kein willenloser Befehlsempfänger, aber ein Mensch bewußt niedriger Reflexionstiefe.

In diesem Text von Roger Berkowitz, der Leiter des Hannah Arendt Centers am Bard College ist, reflektiert er anläßlich des Hanna-Arendt-Filmes von Margaretha von Trotta und der folgenden Diskussion ebenfalls darüber, was die Gedankenlosigkeit im organisierten Bösen ausmacht:

An der Wurzel der modernen Gedankenlosigkeit ist das, was Arendt den Bruch mit der Tradition nennt, der in der modernen Zeit erfolgt. Durch die Geschichte haben Menschen Unrecht getan, sogar großes Unrecht. Aber sie haben irgendwann das Unrechtssein dieses Unrechts als Verstoß gegen religiöse, überlieferte oder gewohnheitsmäßige Regeln erkannt. Diese Regeln bestanden als Regeln, auch in ihrem Bruch. Der Unterschied zwischen der modernen Zeit und dem Totalitarismus ist, daß die alten Regeln nicht länger für gut gehalten werden. Eichmann und tausende wie er in Deutschland und der Sowjetunion waren fähig, bürokrätischen Völkermord für rechtmäßig und richtig zu halten. Sie konnten dies nur tun, indem sie ihr moralischen Empfinden zugunsten der gängigen Meinung ihrer Umgebung zurücklassen. Das ist es, was Arendt mit Gedankenlosigkeit meint.

Viel habe ich schon zitiert, aber mehr als Anregung, sich die Argumentation Berkowitz’ selbst durchzulesen oder — noch besser — zu Arendts „Eichmann in Jerusalen“ und „Über das Böse“ zu greifen.

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