Das Problem von heute ist die Reform von gestern


Alexander Kissler hat diesen schönen Spruch getweetet:

Reform klingt immer gut. Aber bitte nie vergessen: Alles, was heute schief läuft, ist Resultat der Reformen von gestern.

Das ist einem Spruch des Managementforschers Peter Senge nicht unähnlich, der in seinem zahlreich verkauften Buch „Die fünfte Disziplin“ den Spruch zum „Gesetz“ erhebt: „Die Probleme von heute stammen von den Lösungen von gestern.“

Das hat zwar diesen typisch vereinfachenden Ausdruck von Managementbüchern, die man daher auch nie zu ernst nehmen darf. Und Senge denkt als Betriebswirt in ökonomischen Kalkülen und Lösungen von Organisationsproblemen. Doch allgemein angewandt, bedeutet es: Vieles, was einem heute als Mißstand erscheint, ist das Produkt einst hochgelobter Veränderungen; und es kann durchaus passieren, dass langfristig gesehen die gepriesene Lösung von heute später Probleme hervorruft, gegen die sich der zu beseitigende Mißstand als geradezu harmlos herausstellen wird. Das ist übrigens auch Senges fünftes „Gesetz“.

Bei der teuren Reform der Lehrerausbildung, dem avisierten Lehrerdienstrecht neu und der Einführung der Gesamtschule, die de facto nur eine Frage der Zeit ist, wird man z.B. unwillkürlich daran erinnert.

Hauptgrund ist dabei etwas, das im Englischen als „law of unintended consequences“ bekannt ist: Neue Maßnahmen des Staates oder anderer Einheiten führen in der Regel zu Effekten, die nicht vorgesehen waren und daher auch keineswegs beabsichtigt wurden. Siehe als Extremform den „Kobra-Effekt“.

Dazu paßt auch Robert Mertons Satz von der „bestimmenden unmittelbaren Bedeutung des (eigenen) Interessen“, so daß absichtlich mögliche negative Effekte, die später eintreten könnten, ignoriert werden, weil die sofort eintretende Konsequenz so sehr gewünscht wird. Das ist auch eine häufige Fehlerquelle bei selbsternannten „Reformern“ und in der chattering class, deren Analyse großer Ereignisse so tiefgreifend ist wie im Cole-Porter-Song „Well Did You Evah“ geschildert.

Daher: Wehe, wenn die Reform kommt, die man sich immer schon sehnlichst gewünscht hat – es könnte schlimme Folgen haben.

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