Eine kurze Einführung in die Wirkung der Mehrwertsteuer


Im Zuge der Krisenbewältigung wurde in vielen europäischen Staaten die Mehrwertsteuer zum Teil ordentlich erhöht, so in Spanien von 16% im Jahr 2009 auf mittlerweile 21%; in Griechenland von 19% auf 23%, oder bereits 2007 in Deutschland von 16% auf 19%.

Nun ist eine der häufigen Kritiken – die auch wissenschaftlich fundiert sind —, daß Mehrwertsteuererhöhungen rasch weitergegeben werden, während Mehrwertsteuersenkungen sich kaum niederschlagen würden. Und tatsächlich ist das so: Die zahlreichen Mehrwertsteuererhöhungen haben die Inflation im Euroraum trotz magerer Konjunktur angeheizt.

Untenstehende Graphik versucht, die Wirkung der Mehrwertsteuer darzustellen. Dabei wird fallender Grenznutzen durch eine weitere Einheit unterstellt – der zweite Becher Wasser bringt mehr Nutzen als der zwölfte -, und steigende Grenzkosten, die industrieweit plausibel sind.

Die Hersteller würden in meinem fiktiven Beispiel zum Preis 5 z.B. 20 Stück eines Gutes herstellen, zum Preis von 4 nur 11 Stück, weil der Verkauf des 12. Stücks zu diesem Preis ein Verlustgeschäft wäre. Die Konsumenten aber würden zum Preis von 4 auch 30 Stück einkaufen, zum Preis von 5 aber nur 10. Ohne Steuer treffen sie sich bei einem Preis von etwa 4,6 und 15 Stück.

Nun kommt eine Mehrwertsteuer von 25% hinzu. Die Produzenten können jetzt 15 Stück nur mehr zum Preis von mindestens 5,75 anbieten, wollen sie ihre Kosten trotz Steuer hereinbekommen. Ihnen selbst bleiben ja weiterhin nur 4,6 davon. Doch zu diesem Preis werden die Konsumenten nicht 15 Stück einkaufen, sondern nur 5. Schließlich einigt man sich via Kaufentscheidungen: 11 Stück zum Preis von 5.

In unserem Diagramm markiert nicht mehr der türkise, sondern der orange Stern das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage. Die Steuern haben einen Keil zwischen Angebot und Nachfrage getrieben, die den Ertrag der Steuern ausmachen. Der Gesamtnutzen der Konsumenten aus dieser Transaktion sinkt. Die Konsumentenrente – der Bereich unter der Nachfragekurve, aber über der Summe aus Einnahmen und Steuern -, ist spürbar geschrumpft. Genauso die Produzentenrente, der Bereich innerhalb des Einnahmenrechtecks über der Angebotskurve.

Das Dreieck, das links von den Steuern, oben von der Nachfragekurve, unten von der Angebotskurve und rechts vom türkisen Stern begrenzt wird, stellt absolut verlorenen Nutzen dar, der nunmehr weder Staat, noch Konsumenten oder Produzenten zufließt.

Man erkennt: Die Steuererhöhung muß gerade in einer Wettbewerbssituation sofort durchschlagen, wollen die Unternehmer nicht mit Verlust produzieren. In der Wirlichkeit ist etwas komplizierter: Manche Hersteller haben Marktmacht, Angebot und Nachfrage reagieren je nach Gut unterschiedlich auf Preisänderungen. Aber im großen und ganzen trifft es zu.

Was geschieht nun bei einer Senkung der Mehrwertsteuer, sagen wir auf zehn Prozent? Ein Blick ins Diagramm verrät: Wir kommen von der punktierten auf die strichlierte Angebotskurve, vom orangen zum blauen Stern als Gleichgewichtspunkt. Das müsste doch zu einer Preissenkung führen? Tut es – langfristig gesehen – auch. Doch selbst in einem Modell mit vollkommener Information und vollkommenem Wettbewerb gibt es einen Grund, warum diese Preisänderungen nicht so durchschlagen. Denn wir haben ja ein System laufender Geldentwertung. Wenn diese Inflation nun wegen der Mehrwertsteuersenkung geringer ausfällt, so fällt das weniger auf.

Dazu kommt, daß in der Realität viele Unternehmer beschränkt Marktmacht haben, und daher kurzfristige Mitnahmeeffekte realisiert werden.

Die obige Betrachtung ist etwas verzerrend, weil sie einen Markt betrachtet hat. Betrachten wir nun beschränkte Budgets, die wir zwischen Sparen und verschiedenen Gütern aufteilen. Aggregiert ist der Effekt der höheren Mehrwertsteuer eindeutig: Die Kaufkraft der Betroffenen geht zurück. Da ärmere Schichten einen höheren Teil ihres Einkommens für Konsum aufwenden, sind diese vom Kaufkraftrückgang natürlich auch stärker betroffen.

Es ist übrigens ein Märchen, das niedrige Mehrwertsteuersätze etwa auf Lebensmittel eine effektive Hilfe für niedrige Einkommen wären. Wer mehr verdient, gibt auch mehr für Lebensmittel aus (man denke nur an das Einkommensprofil eines Biomarktes), und profitiert davon natürlich ebenso.

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