Franziskus als Analyst


Beim Weltjugendtag in Rio hat Papst Franziskus zahlreiche Ansprachen zu halten gehabt. Eine davon möchte ich heute herausgreifen: Die Rede bei der Begegnung mit den Bischöfen des Koordinationskomitees der lateinamerikanischen Bischofskonferenz CELAM. Mittlerweile ist die Rede auf vatican.va in einer deutschen Fassung zu lesen; kath.net überbrückte die Wartezeit mit einer vorläufigen Fassung der Übersetzung.

Papst Franziskus greift darin zwar Probleme der Kirche Lateinamerikas auf, die er ja aus eigener Anschauung gut kennt, doch kommen uns viele dieser Probleme sehr bekannt vor, weil sie auf Grundhaltungen des Menschen zurückzuführen sind. Ich werde sie im folgenden aus eigener Sicht kommentierend zusammenfassen.

Zuerst erinnert Franziskus an die Bedeutung der Mission, die eine paradigmatische Dimension hat, alle Handlungen der lokalen Kirche unter dem Blickwinkel der Mission zu betrachten und die zeitgebundenen Verwaltungsstrukturen entsprechend zu ändern. Nicht die Verwaltung des Bestehenden, sondern die pastorale Arbeit soll im Vordergrund stehen. Eine Pastoral, die die Sprache der Kultur aufgreift, in der sie tätig ist. Doch es ist eine Umkehr in der Pastoral dafür notwendig:

Diese Umkehr schließt ein, an die Frohe Botschaft zu glauben, an Jesus Christus als den Bringer des Gottesreiches, an sein Hereinkommen in die Welt, an seine Gegenwart, die das Böse besiegt, an die Hilfe und die Führung des Heiligen Geistes und an die Kirche als Leib Christi und Fortführerin der Dynamik der Inkarnation.

Die Kirche als Fortführerin der Dynamik der Inkarnation! Die Dramatik der Aufgabe der Kirche, die Notwendigkeit der Kirche wird von Franziskus also deutlich betont. Christlicher Glaube ist kirchlich, oder er ist nicht christlich.

Franziskus benennt nun deutlich die Gefahren, denen gerade gläubige Christen ausgesetzt sind, Versuchungen, die einen vom Weg der Glaubensverkündigung abbringen. In den Medien wurde der Warnung vor dem Klerikalismus Raum gegeben, die übrigens auch in der bei uns so modernen Klerikalisierung von Laien ihren Ausdruck findet.

Als erste Gefahr nennt Franziskus aber etwas allgemeineres: Die „Ideologisierung der Botschaft des Evangeliums“. Die Bibel, die Tradition werden aus einer bestimmten außerbiblischen, außerkirchlichen Position heraus gelesen, nicht als Herausforderung, sondern Bestätigung der eigenen Ideologie. In Lateinamerika war etwa eine quasi-marxistische Hermeneutik der Bibel lange sehr beliebt. In Mitteleuropa hat die „psychologisierende Ideologisierung“ Anklang gefunden, in der Christus eine Chiffre für Selbstfindung und -verwirklichung im Diesseits ist. Franziskus nennt weiters einen „gnostischen Entwurf“, eine die nüchterne, sinnesfeindliche Elite-Spiritualität kennzeichnet, die sich meiner Meinung nach stark im deutschen Kirchenbau seit der Nachkriegszeit bemerkbar macht. Schließlich gebe einen „pelagianischen Entwurf“; im Text scheint er auf traditionalistische Gruppen bezogen, doch der eigentliche Vorwurf wird durch das Wort „pelagianisch“ deutlich: Zu glauben, durch strikten Vollzug von eingeübten, kulturell begründeten Regeln sich selbst die Erlösung zu verdienen; zu glauben, dass andere wegen Nichtvollzugs dieser kulturellen Regeln die Erlösung im Gegensatz zu einem selbst verwehrt werden wird. Diese Haltung findet sich manchesmal durchaus bei einigen (nicht allen!) Piusbrüdern.

Während die Ideologisierung die Botschaft Christi durch fremde Filter entstellt, blendet der Funktionalismus sie ganz aus: Die Kirche ist hier eine unternehmerische und/oder soziale Nichtregierungsorganisation, die eben funktionieren soll. Eine meiner Meinung nach gerade bei Funktionären beliebte Haltung. Franziskus warnt:

Die Kirche ist eine Stiftung, doch wenn sie sich zum „Mittelpunkt“ erhebt, „funktionalisiert“ sie sich selbst und verwandelt sich allmählich in eine NGO. Dann maßt die Kirche sich an, eigenes Licht zu besitzen und hört auf, jenes “mysterium lunae“ zu sein, von dem uns die heiligen Väter sprechen. Sie wird immer selbstbezogener, und ihr Bedürfnis, missionarisch zu sein, schwächt sich ab. Aus einer „Stiftung“ wird sie zu einem „Werk“.

Der Klerikalismus wiederum ist eine mitunter bequeme Lösung für Priester und Laien, die sich nicht miteinander herumschlagen müssen. Viele Laien wollen sich gern aus der Verantwortung sehen, viele Priester sehen dieses Arragement als vorteilhaft. Das kann man gerade in Österreich an Hand der sogenannten Pfarrerinitiative beobachten, die ja nicht die Volksfrömmigkeit stärken will, sondern die Klasse der Kleriker um jeden Preis ausweiten will. Dabei gibt es einen reichen,
jahrhundertealten Schatz kirchlicher Laienarbeit – die nur nie so geheißen hat: Bruderschaften, Gebetsgruppen, fromme Stiftungen usw. . Der Papst erwähnt bspw. Bibelrunden und Pfarrgemeinderäte als Stärkung der Laienverantwortung.

Zum Schluß betont Franziskus die Verantwortung des Bischofs. Er leitet die Pastoral, die Mission. Der Papst beschreibt dann den idealen Bischof wie in einem Fürstenspiegel, so klar, dass ich den Absatz einfach als Zitat einfüge:

Die Bischöfe müssen Hirten sein, nahe am Volk, Väter und Brüder, mit viel Milde; geduldig und barmherzig. Menschen, die die Armut lieben, sowohl die innere Armut als Freiheit vor dem Herrn, als auch die äußere Armut als Einfachheit und Strenge in der persönlichen Lebensführung. Männer, die nicht eine „Fürsten-Gesinnung“ besitzen. Männer, die nicht ehrgeizig sind und die Bräutigam einer Kirche sind, ohne nach einer anderen Ausschau zu halten. Männer, die fähig sind, über die ihnen anvertraute Herde zu wachen und sich um alles zu kümmern, was sie zusammenhält: über ihr Volk zu wachen und Acht zu geben auf eventuelle Gefahren, die es bedrohen, doch vor allem, um die Hoffnung zu mehren: dass die Menschen Sonne und Licht im Herzen haben. Männer, die fähig sind, mit Liebe und Geduld die Schritte Gottes in seinem Volk zu unterstützen. Und der Platz, an dem der Bischof bei seinem Volk stehen muss, ist dreifach: entweder vorne, um den Weg anzuzeigen, oder in mitten unter ihnen, um sie geeint zu halten und Auflösungserscheinungen zu neutralisieren, oder auch dahinter, um dafür zu sorgen, dass niemand zurückbleibt, aber auch und grundsätzlich, weil die Herde selbst ihren eigenen Spürsinn hat, um neue Wege zu finden.

Dieses Bild soll das Ideal sein, das wohl schwierig zu erreichen ist, aber dennoch vor Augen bleiben soll. Eine Führung in Demut, eine Leitung, die sie auch einmal leiten läßt.

Diese Rede sollte nicht nur für Lateinamerika, sondern auch für die Kirche Mitteleuropas von eminentem Interesse sein, beschreibt Franziskus darin doch luzide Probleme und Lösungswege in der Kirche.

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