40 Jahre Momo


„Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte“ – das hört sich schon an wie ein Barockroman, in dem unerhörter Begegebenheiten und phantastische Wendungen den Leser überraschen. Der Text, den Michael Ende vor vierzig Jahren veröffentlicht hat, ist dann wirklich phantastisch, und beschreibt gerade dadurch höchst reale Probleme: Materialismus, Utilitarismus, Zeitdruck sind moderne Krankheiten, die heute wie vor vierzig Jahren wüten. Extraktive Eliten wie die „grauen Herren“, die selbst nichts schaffen, aber von der Ausbeutung der anderen leben, sind nun auch in Europa und den USA spürbarer als in früheren Jahren.

Die „grauen Herren“ überreden bekanntlich die Menschen, sich auf das Nützliche zu konzentrieren, um Zeit zu sparen. Keine Plaudereien mehr, keine unnütze Träumerei mehr, kein Singen und Erzählen. Doch die Zeit wandert in Wahrheit zu den grauen Herren, die von der ersparten Zeit leben. Das Mädchen Momo steht außerhalb des Systems der Zeitdiebe: Sie besitzt selbst wenig, scheint auch keine Familie zu haben, kann aber außerordentlich gut zuhören und hat durch ihre Art viele Freunde gewonnen. Sie bemerkt anders als die anderen Menschen, daß das System der „grauen Herren“ eine Anlage ohne Dividende ist, und widersetzt sich allen Versuchen, sich von den Zeitdieben vereinnahmen zu lassen. Wie sie schließlich die Zeitdiebe überwindet, davon handelt eben der 1973 veröffentlichte Roman.

Anne-Catherine Simon beschreibt in der „Presse“ die Aktualität des Buches prägnant:

Heute herrschen die grauen Herren fast unumschränkt, nur ist kein rettendes Kind in Sicht, wie auch? Selbst Kindergartenkindern wird ja schon die „freie“ Zeit mit Förder- und Bespaßungsprogramm vertrieben. „Selbst ihre freien Stunden mussten in aller Eile so viel Vergnügen und Entspannung liefern, wie möglich war“, heißt es über die Menschen, die nur noch in möglichst kurzer Zeit möglichst viel erledigen wollen. „Am allerwenigsten konnten sie die Stille ertragen. Denn in der Stille überfiel sie Angst, weil sie ahnten, was in Wirklichkeit mit ihrem Leben geschah. Darum machten sie Lärm, wann immer die Stille drohte.“

Man kann übrigens dabei erahnen, was die große Provokation etwa an den Kartäusern ist, die ja im Film „Die große Stille“ behandelt wird. Oder warum Aufklärer wie  Josef II., die frühe Vorläufer der „grauen Herren“ sind, so entsetzt über kontemplative Orden waren. Nein, die Stille ist es nicht.

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