Microsoft kauft halb Nokia: Ein gutes Geschäft?


Nun verkauft also Nokia seine gesamte Mobiltelephon-Sparte an Microsoft. Und zwar — womit ich nicht gerechnet haben — einschließlich der Asha-Linie und normaler „Featurephones“. Nokia wird dann im wesentlichen aus der Netzwerksparte, dem Kartendienst und ortsbezogenen Diensten auf Basis der Tochter NAVTEQ und der Forschungs- und Entwicklungsabteilung (siehe z.B. Nokia Research Center) bestehen.

Nokia verkauft im Prinzip seinen halben Umsatz für 3,79 Milliarden Euro, das sind etwa 5 Mrd. US$. Weitere 1,65 Milliarden erhält Nokia für eine 10-Jahres-Lizenz für Patente und einer Option für Microsoft, diese Lizenz für immer (!) zu verlängern. Microsoft wird außerdem den Markennamen Nokia für 10 Jahre lizenzieren und für Produkte der S30 und S40-Systeme weiter einsetzen können. Die Windows-Phone-Linie wird dagegen wohl nicht mehr Nokia heißen. Nokia selbst darf den Markennamen erst nach Ablauf von 30 Monaten an andere Hersteller lizenzieren und ab 1.1.2016 für eigene Mobilgeräte nutzen, von denen aber ohnehin nicht auszugehen ist.

Offenbar sind die Finanzierungsbedingungen für Nokia derzeit schwierig. Zwar hat das Unternehmen einen positiven Cash Flow und konnte seine verfügbaren Mittel gut managen, hatte aber wegen der unsicheren Zukunft der Smartphone-Sparte ein relativ schlechtes Rating. Im kapitalintensiven Mobilgerätegeschäft werden aber immer wieder Finanzierungen benötigt, da die eigenen Mittel gebunden sind. Im Deal ist daher eine Übergangsfinanzierung zu günstigen Zinssätzen in der Höhe von 1,5 Mrd. Euro enthalten. Mit dem Verkauf der Telephonssparte sollte sich dann das Rating und damit die Finanzierungskonditionen verbessern.

Aus Sicht des Nokia-Aufsichtsrat ist die Entscheidung verständlich, und die Eigentümer werden wohl auch bei der Hauptversammlung zustimmen: Man behält die erfolgreichen Sparten und muss deren Gewinne nicht mehr zum Ausgleich der Verluste des Rests verwenden. Ähnlich wie Ericsson, das ja den Mobilgerätemarkt mit dem Verkauf seiner Anteile am Joint-Venture mit Sony an diese vor kurzem endgültig verlassen hat, konzentriert sich das deutlich geschrumpfte Unternehmen auf seine Kernkompentenzen und kann mit den frischen Mitteln vielleicht auch neue Chancen nutzen.

Aus Microsofts Sicht ist es schon weniger verständlich. Viele sprechen davon, was für hervorragende Geräte integrierte Hersteller wie Apple machen, die Hard- und Software aus einer Hand bieten. Doch Microsoft hat in diesem Spiel bislang nicht brilliert (Kin, Zune, Surface … – Ausnahme: XBox); sein Markenname wird daher nicht damit in Verbindung gebracht. Nun muss Microsoft wiederum Mittel für eine Integration der Unternehmensteile aufwenden und in einer Marketingkamapgne einen Imagetransfer von Nokia auf die Microsoft-eigene Smartphonereihe versuchen. Und das, nachdem es Nokia in einigen Märkten in mühsamer Arbeit gelungen war, ein halbwegs positives Image für Nokias Windows-Phone-Linie aufzubauen.

Die bisherigen Probleme bei Windows Phone 8, wo Nokia durch eigene Lösungen fehlende Funktionsupdates von Microsofts überbrückt hat, lassen ebenfalls nichts gutes für die Zukunft vermuten. Und wie unter diesen Auspizien eine Partnerschaft Microsofts mit anderen Herstellern bei Windows Phone noch funktioneren soll, wie es das Unternehmen behauptet, bleibt rätselhaft. Google und Motorola ist ein schlechtes Beispiel, da Android erstens quelloffen ist, und Motorola zweitens nur ein kleiner Fisch im Androidbecken ist. Bei Windows Phone dagegen ist Nokia mit etwa 80% Anteil der Hauptlieferant. Mit der Übernahme werden sich wohl die anderen Hersteller von Windows-Phone-Geräten de facto zurückziehen.

Microsoft gibt in einer schönen Präsentation und in anderen Texten folgende Gründe für den Kauf an:

  • Einheitliche Marke würde die Marktchancen für Windows Phone verbessern. (Wie ist das jetzt mit den Hardware-Partnern?)
  • Schnellere Innovation da Hard- und Software aus einer Hand
  • Effektive Alternative zu Google durch Integration von Microsoft- und Nokiadiensten (Diese Integration gab es bisher aber auch schon …)
  • Microsoft will die Feature-Phones als Einstieg Richtung Windows Phone positionieren und so auch in Schwellen- und Entwicklungsländern besser Fuß fassen.
  • Zugriff auf ein umfangreiches Patent-Portfeuille durch die Lizenzierung.

Für Microsoft wäre da meiner Meinung nach ein reiner Lizenzdeal und eine strategische Beteiligung sinnvoller und wohl auch billiger gewesen. Diese Option wurde anscheinend auch laut AllThingsD diskutiert. Daher teile ich die wütenden Reden von Nokia-CEO Stephen Elop als „trojanisches Pferd“ nicht. Zwar hat er Nokias Probleme 2011 unnötig beschleunigt, die Erfolge der letzten Monate sind aber ebenfalls beachtlich. Vor allem ist aber zu bedenken: Die wenigsten Hersteller von Mobiltelephonen arbeiten derzeit mit merkbaren Gewinnen. Lediglich Apple und Samsung sind wirklich profitabel, die anderen operieren mit schwarzen Nullen oder sind in den roten Zahlen. Auch bei einer erfolgreichen Zukunft für Nokias Mobilgeräte wären nur magere Gewinne aus dem Bereich zu erwarten gewesen. Keine guten Aussichten für einen Unternehmenseigentümer.

Einziger Kritikpunkt ist vielleicht der Preis. Google hat Motorola, das zum Kaufzeitpunkt eine schwächere Marktposition hatte, einschließlich Patenten um 12,5 Mrd. US$ erworben. Nokias Mobilgerätesparte ist Microsoft dagegen rund 5 Mrd. US$ wert, allerdings ohne Patente. Freilich sind viele heute überzeugt, dass Google einfach zuviel bezahlt hat und Motorolas Patente nicht so viel wert waren, wie man geglaubt hat.

Steve Ballmer tritt auch zurück (oder mußte gehen, je nach Sichtweise), weil Microsoft unter seiner Führung im Mobilbereich versagt hat. Microsoft war mit Windows Mobile früh am Start und hatte eine vielversprechende Position im Smartphonerennen, die vergeudet wurde. Microsoft war schon vor Jahren im Tabletbereich aktiv, doch erst durch Apples iPad wurde das Tablet massentauglich. Weitere Aktivitäten im Mobilbereich wie die tragbaren Musikgeräte Zune oder die Kin-Telephone waren kostspielig, aber erfolglos. Microsoft muss daher irgendetwas tun, um im Mobilbereich relevant zu sein; anscheinend hofft die Firmenleitung, durch den Kauf von Nokia die nötige Expertise und Marktdurchdringung zu bekommen. Ob das nicht eine riskante Kalkulation ist …

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