Nicht festzurren lassen!


Das Evangelium des 23. Sonntags im Jahreskreis, Lesejahr C verkündet einen radikalen Anspruch. Lukas schreibt dort:

Griechisch (Nestlé-Aland) Einheitsübersetzung
25 Συνεπορεύοντο δὲ αὐτῷ ὄχλοι πολλοί, καὶ στραφεὶς εἶπεν πρὸς αὐτούς· Viele Menschen begleiteten ihn; da wandte er sich an sie und sagte:
26 εἴ τις ἔρχεται πρός με καὶ οὐ μισεῖ τὸν πατέρα ἑαυτοῦ καὶ τὴν μητέρα καὶ τὴν γυναῖκα καὶ τὰ τέκνα καὶ τοὺς ἀδελφοὺς καὶ τὰς ἀδελφὰς ἔτι τε καὶ τὴν ψυχὴν ἑαυτοῦ, οὐ δύναται εἶναί μου μαθητής. Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein.
27 ὅστις οὐ βαστάζει τὸν σταυρὸν ἑαυτοῦ καὶ ἔρχεται ὀπίσω μου, οὐ δύναται εἶναί μου μαθητής. Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.
28 Τίς γὰρ ἐξ ὑμῶν θέλων πύργον οἰκοδομῆσαι οὐχὶ πρῶτον καθίσας ψηφίζει τὴν δαπάνην, εἰ ἔχει εἰς ἀπαρτισμόν; Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen?
29 ἵνα μήποτε θέντος αὐτοῦ θεμέλιον καὶ μὴ ἰσχύοντος ἐκτελέσαι πάντες οἱ θεωροῦντες ἄρξωνται αὐτῷ ἐμπαίζειν Sonst könnte es geschehen, dass er das Fundament gelegt hat, dann aber den Bau nicht fertig stellen kann. Und alle, die es sehen, würden ihn verspotten
30 λέγοντες ὅτι οὗτος ὁ ἄνθρωπος ἤρξατο οἰκοδομεῖν καὶ οὐκ ἴσχυσεν ἐκτελέσαι. und sagen: Der da hat einen Bau begonnen und konnte ihn nicht zu Ende führen.
31 Ἢ τίς βασιλεὺς πορευόμενος ἑτέρῳ βασιλεῖ συμβαλεῖν εἰς πόλεμον οὐχὶ καθίσας πρῶτον βουλεύσεται εἰ δυνατός ἐστιν ἐν δέκα χιλιάσιν ὑπαντῆσαι τῷ μετὰ εἴκοσι χιλιάδων ἐρχομένῳ ἐπ’ αὐτόν; Oder wenn ein König gegen einen anderen in den Krieg zieht, setzt er sich dann nicht zuerst hin und überlegt, ob er sich mit seinen zehntausend Mann dem entgegenstellen kann, der mit zwanzigtausend gegen ihn anrückt?
32 εἰ δὲ μή γε, ἔτι αὐτοῦ πόρρω ὄντος πρεσβείαν ἀποστείλας ἐρωτᾷ τὰ πρὸς εἰρήνην. Kann er es nicht, dann schickt er eine Gesandtschaft, solange der andere noch weit weg ist, und bittet um Frieden.
33 οὕτως οὖν πᾶς ἐξ ὑμῶν ὃς οὐκ ἀποτάσσεται πᾶσιν τοῖς ἑαυτοῦ ὑπάρχουσιν οὐ δύναται εἶναί μου μαθητής. Darum kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.

Nur wenige Verse später erzählt Jesus drei Gleichnisse über die Liebe Gottes zu den Sündern, darunter das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Und auf die Frage nach dem wichtigsten Gebot antwortete er bekanntlich, dass man Gott und seinen Nächsten lieben solle. Eine ungeheure Spannung, die noch größer wird, wenn man den griechischen Text betrachtet. Denn Jesus sagt nicht bloß, man solle sein Leben und seine Verwandten gering achten. Der griechische Text spricht von μισεῖ, das heißt: er haßt.

Der scheinbare Widerspruch zwischen der Forderung, sogar seine Geschwister zu hassen, und der Liebesbotschaft ergibt sich aus der Situation und dem Zweck der Rede. Viele Menschen begleiten Jesus nun, aus der kleinen Jüngerschar ist eine große Menge geworden. Sie begleiten ihn auf dem Weg nach Jerusalem, der für ihn in der Kreuzigung münden wird. Davon wissen die ihn begleitenden Menschen freilich nichts.

Das Wort für Jünger, μαθητής, ist an und für sich das gleiche wie für den Schüler einer philosophischen Schule, oder für den Lehrling eines Meisters. Es geht über bloße Aneignung seiner Worte hinaus, sondern bezeichnet jemanden, der selbst irgendwann einmal ein Philosoph oder ein Meister werden möchte.  Jesus schärft ihnen nun ein, das echtes Jüngertum eine radikale, folgenschwere Entscheidung ist. Dreimal sagte er: Wer dieses oder jenes nicht erfüllt, „kann nicht mein Jünger sein“. Die Gleichnisse vom Turmbau und vom König drücken die Konsequenz verständlich aus: Wer Jesus tatsächlich als sein Schüler nachfolgen will, wer eine Berufung spürt, soll über diesen Ruf nachdenken, abwägen, ob er dieses Wagnis tatsächlich eingehen kann. Kann er von allen seinen Vorteilen, Besitztümern ablassen? Kann er loslassen und sich ganz in den Dienst Gottes stellen, so wie Jesus es vorgelebt hat?

Jesus macht damit auch deutlich: Nicht jeder ist zum Jünger berufen. Gott hat aber die, die nicht zum Jünger berufen sind, nicht aufgegeben, wie z.B. Kapitel 15 des Lukasevangeliums darlegt. In der Catena Aurea werden Augustinus und Beda Venerabilis so zitiert:

Die erste Rede paßt aber mit der Schußrede zusammen; denn darin, daß jemand allem entsagt, was er besitzt, ist auch jener Gedanke enthalten, daß er seinen Vater, seine Mutter, seine Söhne, seine Brüder und Schwestern und dazu noch sein Leben haßt. Denn all diese Besitztümer sind es, die so manchen beschäftigen und ihn hindern, jene Güter zu erlangen, die für alle bestimmt sind und die in Ewigkeit bleiben – nicht jene eigenen zeitlichen und vergänglichen Güter.

Es ist aber ein Unterschied zwischen „allem entsagen“ und „alles verlassen“; denn nur wenige Vollkommene haben die Kraft, alles zu verlassen, d. h. die Sorgen dieser Welt hinter sich zu lassen; aber es ist die Aufgabe aller Gläubigen, allem zu entsagen, d. h. die Güter dieser Welt so zu besitzen, daß sie dennoch durch sie nicht in der Welt festgehalten werden.

Von allem abzulassen ist nur wenigen gegeben. Uns nicht von den Sorgen der Welt hier festzurren zu lassen, das sollten wir alle anstreben.

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